Die Wilderei ist ausser Kontrolle

Afrika erlebt derzeit die schlimmste Wildereikrise seit Jahrzehnten. Der illegale Handel mit Elfenbein boomt, die Zahlen von getöteten Elefanten schnellen in die Höhe. Immer öfter kommt es zu blutigen Massakern, wie am Anfang des Jahres 2012, als bis zu 400 Elefanten in einem Nationalpark in Kamerun abgeschlachtet wurden. Lamine Sebogo, der WWF-Leiter des Afrikanischen Elefantenprogrammes, erklärt im Gespräch mit WWF Deutschland, die dramatische Situation der Afrikanischen Elefanten, warum die Wildereikrise eine Wertekrise ist und wie sie bekämpft werden kann.

WWF: Wie steht es um Afrikas Elefanten?
Lamine Sebogo: Global gesehen, ist die Situation derzeit sehr ernst. Die Wilderei nimmt stark zu. Besonders dramatisch ist es momentan in Zentralafrika. Was dort passiert, habe ich noch niemals zuvor gesehen. Wir sind in sehr grosser Sorge um die Waldelefanten. Die illegale Jagd ist in einigen zentralafrikanischen Ländern regelrecht explodiert, wie in der Demokratischen Republik Kongo. Hinzu kommen «neue» Transitländer, die den illegalen Handel unterstützen – Nationen wie Kenia, Mosambik und Uganda. Es ist erschreckend anzusehen, wie immer mehr Nationen in den Sog dieser Wildereikrise geraten.


Im Mai 2012 kam es zum bislang schrecklichen Höhepunkt dieser Wilderei-Krise. Was genau passierte in Kameruner Bouba-N'Djida-Nationalpark?
Ende letzten Jahres erreichte uns die Information, Wilderer wären auf dem Weg in den Nationalpark. Keine lokalen Wilderer, sie würden aus dem Tschad kommen, hiess es. Heute wissen wir, sie stammten aus dem Sudan. Sie waren auf Pferden unterwegs, schwer bewaffnet und offensichtlich auch militärisch ausgebildet. Die Wilderer sind im Januar 2012 in den Nationalpark eingedrungen. Es hat dann schliesslich drei ganze Monate gedauert, bis die Regierung Kameruns reagiert hat. Bis dahin starben mehr als 200 Elefanten. Insgesamt haben wir bis zu 400 verloren – nur aus einem einzigen Grund: Elfenbein.

Kann man davon ausgehen, dass sich solche Fälle wiederholen?
Die Situation ist momentan sehr schwierig und leider müssen wir immer wieder damit rechnen. In Kamerun gibt es ein Netzwerk chinesischer Geschäftsleute, das sich auf den Handel mit Elfenbein spezialisiert hat. Es gibt viel Geld zu verdienen. Optimistisch stimmt mich aber die Tatsache, dass erst im Juni zehn zentralafrikanische Staaten einen länderübergreifenden Aktionsplan unterzeichnet haben, um in solchen Fällen schneller reagieren zu können. Der politische Wille, solche Fälle zu verhindern, ist durchaus vorhanden, aber wir haben in Afrika grosse Schwächen in der Umsetzung.

Elefanten sind in der afrikanischen Kultur stark verwurzelt. Auf der einen Seite gibt es diese tiefe Liebe zu den Tieren und auf der anderen Seite solche grausamen Ereignisse. Wie verträgt sich das?
In ganz Zentralafrika ist der Elefant ein wichtiges Symbol für Kraft und Stärke. Es ist gar nicht einfach, einen Elefanten überhaupt zu töten. Für viele wäre eine solche Handlung unvorstellbar. Ich glaube, dass die lokalen Gemeinden nur allzu gerne die Wilderer im Gefängnis sehen würden. Die Menschen haben schon immer mit Elefanten zusammengelebt und wünschen sich, dass auch ihre Kinder das noch tun werden. Aber in dieser Wildereikrise steckt eine Wertekrise. Tatsache ist, dass es in den staatlichen Nationalparks wesentlich öfter zu Wilderei kommt als in den privaten. Die staatliche Politik ist nach wie vor stark von kolonialistischen Werten bestimmt. Die Natur wird eher als Eigentum des Staates behandelt und nicht als Eigentum der Menschen. Wilderei ist natürlich stark verknüpft mit Armut. Elfenbein bringt viel Geld ein. Wenn der Staat nichts tut, dann nehmen sich die Menschen, was ihnen aus der Armut hilft – das ist eine weit verbreitete Haltung.
Für mich ist immer wieder überraschend zu hören, wie viel Unwissenheit existiert. Viele verweigern sich zu glauben, dass es eines Tages keine Elefanten mehr geben könnte, darunter auch nicht selten Intellektuelle. Elefanten sind doch ein Geschenk, es würde sie immer geben, heisst es oft.


Werden Sie jetzt aktiv

  • Mit Ihrer Spende für den Waldschutz bildet der WWF Ranger aus, schafft für die lokale Bevölkerung alternative Einkommensmöglichkeiten und bekämpft den Handel mit Elfenbein.
  • Achten Sie in Ihren Ferien auf nachhaltige Souvenirs: Der Souvenir-Ratgeber hilft Ihnen dabei.


 / ©: Matthias Adler / WWF
Lamine Sebogo, WWF-Leiter Elefantenprogramm Afrika.
© Matthias Adler / WWF

In Kamerun gibt es ein Netzwerk chinesischer Geschäftsleute, das sich auf den Handel mit Elfenbein spezialisiert hat.

Lamine Sebogo, WWF-Leiter des Elefantenprogramm

© WWF-Canon / Green Renaissance © WWF-Canon / Green Renaissance © WWF-Canon / Green Renaissance © Michèle Dépraz / WWF-Canon © WWF-Canon / Folke Wulf
Und wer sind die Wilderer?
Ein Teil jagt natürlich, um der Armut zu entkommen. Es gibt aber auch Wilderer, die schon immer gejagt haben, also eher aus Gewohnheit. Es gibt Wilderer, die sich einfach nur bereichern wollen. Sie sind nicht arm, nur gierig. Elfenbein ist sehr lukrativ. Unter den Wilderern sind inzwischen auch viele Ex-Soldaten.

Mit welchen Konzepten kann die Wildereikrise vor Ort in Afrika bekämpft werden?
Wir müssen die Gemeinden für uns gewinnen, darin liegt eine ganz zentrale Bedeutung. Das ist schwierig, denn finanzieller Nutzen für die lokalen Gemeinschaften stellt sich nicht sofort ein. Und es nur sehr schwer zu vermitteln, dass der Schutz der Elefanten nach ein paar Jahren auch finanzielle Vorteile erzielen kann. Elfenbeinjagd wirkt wesentlich unmittelbarer. Enorm wichtig ist die Bereitschaft der Politik, die Gemeinden einzubinden. Botswana ist derzeit ein ganz starker Partner, die Regierung kämpft sehr erfolgreich gegen die illegale Wilderei.

...beispielsweise mit Quotensystemen…
Ich weiss von meinen Kollegen, dass dieses Thema in Europa sehr schwierig zu erklären ist: Wie man mit dem gezielten Töten einzelner Elefanten ihre Populationen schützen kann. Ich weiss, für viele besteht darin kein Unterschied zur Wilderei. Das ist nicht nur in Deutschland schwierig, sondern insgesamt eine sehr europäische Denkweise. Die Kontroverse um Juan Carlos zeigte diese Position sehr deutlich. Ungerecht war in diesem Zusammenhang allerdings die Kritik an Botswana, einem der Vorreiter für den Elefantenschutz. «Trophy Hunting» kann in der Tat ein recht erfolgreiches Konzept sein, wenn die Gemeinden unmittelbar davon profitieren. Reiche Leute bezahlen viel Geld dafür, dass sie Elefanten oder auch andere Tiere jagen dürfen. Diese Form der Jagd wird meist gut dokumentiert, beobachtet und basiert auf wissenschaftlichen Errechnungen. Dort, wo es gestattet ist, sind die Populationen in der Regel stabil, und die Abschussquoten liegen mitunter im Promillebereich. Wilderei hingegen ist das komplette Gegenteil - sie ist ausser Kontrolle. Es ist unmöglich vorherzusehen, was passiert, wie viele Tiere sterben und was mit dem Elfenbein passiert.

Das Gespräch führte Matthias Adler vom WWF Deutschland



 / ©: WWF
Faktenblatt Elefanten
© WWF

Abonnieren Sie den WWF Newsletter

Kompakt und aktuell: Ihre WWF News per E-Mail. Melden Sie sich jetzt an!

Werden Sie unser Fan


Dem WWF auf Twitter folgen

Die Zukunft hat begonnen. "Wetterdaten: So heiß war noch kein September" #Klimawandel http://t.co/iKZTZwYygV
vor 7 Stunden @WWF_Schweiz

Helfen Sie uns, die Wälder weltweit zu schützen

Alpen