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WWF Magazin Kommentar
Hochwasser August 05 in Bern, Schweiz.
Schwimmen und schwitzen
Der internationale Klimaschutz kommt kaum voran, die Erwärmung schon. In der Schweiz wird es heiss und gefährlich.

Von Philip Gehri

In den letzten Wochen sind im Hochwasser von Thailand rund 400 Menschen gestorben, 1700 waren es im Jahr davor in Pakistan. In den USA lag die Zahl der Unwetter bereits im August mit Schäden in der Höhe von 35 Milliarden Dollar auf Rekordniveau – noch vor Beginn der Hurrikansaison. Erste Folgen des Klimawandels? «Ein einzelnes Wetter-Ereignis lässt sich nie direkt auf den Klimawandel zurückführen», sagt Andreas Fischlin, ETH-Klimaforscher und Leadautor des Intergovernemental Panel on Climate Change (IPCC). «Aber wenn zum Beispiel starke Hurrikane nach Norden kommen, passt das sehr gut zu dem, was wir vom Klimawandel erwarten.»

In der Schweiz sind die Dimensionen kleiner, doch die Schäden der letzten Jahre sind ebenfalls gigantisch. Drei Milliarden Franken und sechs Tote hat das sogenannte Alpenhochwasser vom August 2005 gekostet. Ein Klacks sind dagegen die 15 Millionen Franken für einen Stollen, der seit letztem Jahr den See auf dem Unteren Grindelwaldgletscher entwässert und so einer Flutwelle vorbeugen soll. Weil sich der Gletscher zurückgezogen hatte, wurden die angrenzenden Bergflanken instabil. Felsmassen stürzten auf die Gletscherzunge, stauten dort Schmelzwasser, und so bildete sich der See. Laut Fischlin eines der ersten Ereignisse in der Schweiz, die sich direkt auf die Klimaerwärmung zurückführen lassen.

Mit bisher 1,7 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit ist die Erwärmung hierzulande doppelt so stark wie im globalen Mittel. Der Trend wird anhalten, wie die neuen Szenarien CH2011 von ETH und Meteoschweiz bestätigen: Selbst wenn es gelingen würde, die globalen Treibhausgas-Emissionen dramatisch zurückzufahren, würde sich die Schweiz bis zum Ende des Jahrhunderts noch einmal so stark erwärmen wie bisher. Sonst ist es der doppelte bis dreifache Wert. Anhaltende Hitzewellen und sommerliche Trockenheit werden dann häufiger. «Eine Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, könnte schon in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nicht mehr möglich sein», so Fischlin. Wassermanagement wird zur Dauerauf gabe. Es wird bei uns im Winter mehr Niederschlag geben, der zudem häufiger als Regen statt als Schnee fällt. Das bedeutet mehr und heftigere Überschwemmungen.

Das geht ins Geld: Auf bis zu sechs Prozent des Bruttosozialprodukts veranschlagt der Klima-Ökonom Gunter Stephan von der Universität Bern die Kosten einer Erwärmung von insgesamt vier Grad. Darunter fallen Sachschäden wegen häufigerer Wetterextreme, aber auch Einbussen im Tourismus, in der Strom- und Wasserwirtschaft sowie in der Landwirtschaft. Zudem leiden Exporte, wenn die Weltwirtschaft wegen regionaler Klimakatastrophen instabiler wird.

In der Schweiz ist die Erwärmung besonders stark zu spüren, gleichzeitig wird sie besser als andere Länder damit umgehen können: «Unser Land liegt in einer gemässigten Zone und hat die Mittel für Anpassungsmassnahmen », sagt Roland Hohmann, der im Bundesamt für Umwelt für die Entwicklung einer Anpassungsstrategie zuständig ist. Ein Drittel der Menschheit lebt heute in Trockengebieten, sie haben schlech tere Karten. Aber auch die Schweiz müsse sich jetzt auf wärmere Zeiten vorbereiten: «Die Menschen müssen lernen, mit der Hitze umzugehen. Die Städte müssen so gestaltet werden, dass eine gute Durchlüftung gewährleistet ist und es viel Schatten gibt.»

Auch das Tierreich wird mediterraner, was nicht nur erfreulich ist: Die Wallnussfruchtfliege sucht heute Nüsse in der ganzen Schweiz heim, während früher die Alpen eine unüberwindbare Kältebarriere waren. Ebenfalls von Italien aus ist die asiatische Tigermücke Richtung Norden unterwegs. Sie kann Krankheiten wie das Chikungunya- Fieber übertragen.

Bis 20 Zentimeter pro Stunde wandern Arten, um mit der Erwärmung mitzuhalten. Nicht alle werden es schaffen. Andreas Fischlin: «Wir müssen mit einem grossen Artensterben rechnen, zumal ja der Klimawandel nur eine von mehreren menschgemachten Bedrohungen ist.»

Abschied nehmen müssen wir auch von den allermeisten Alpengletschern. Modellierungen zeigen, was der Verlust der Gletscher für den Wasserabfluss bedeutet. «Das kann weitreichende Folgen haben», so Roland Hohmann. Weder Bewässerungsanlagen noch Gummistiefel reichen langfristig aus: «Die wichtigste Massnahme ist und bleibt, die CO2-Emissionen zu reduzieren.» Andreas Fischlin erinnert an die Alltag gewordenen Temperaturrekorde: «Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren – was braucht es noch, damit wir endlich handeln?»

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Klimakonferenz in Durban
In einem dramatischen Schlussspurt hat die Klimakonferenz von Cancun vor einem Jahr Vertrauen zurückgebracht: Die Staaten der Welt meinen es – vorerst – ernst mit dem Klimaschutz. Ende Monat beginnt in Durban (Südafrika) die diesjährige Klima-Hauptkonferenz, die COP 17. Sie muss eine Lösung für die nächsten Jahre konkretisieren, denn die erste Runde des Kyoto-Protokolls läuft 2012 aus. «Gleichzeitig müssen wir in Durban dringend zum übernächsten Schritt ansetzen: einem globalen Klima-Abkommen, das im Gegensatz zum Kyoto-Protokoll auch die Entwicklungs- und Schwellenländer wie China stärker einbezieht », sagt Patrick Hofstetter, Leiter Klima und Energie beim WWF Schweiz und Mitglied der Schweizer Verhandlungsdelegation. Dritter grosser Brocken: Der globale Klimafonds braucht eine solide, vertrauenswürdige Finanzierung. Einen Beitrag dazu könnte der internationale Flug- und Schiffsverkehr leisten, der heute gegenüber dem Landverkehr steuerlich stark bevorzugt wird. Der Klimafonds finanziert Klimaschutz und Anpassungsmassnahmen in Entwicklungsländern. Klimaschutz in Industrieländern finanziert sich oft selbst, weil er Energie und damit Kosten sparen hilft. «Mit Klimaschutz kann man darum nur gewinnen», sagt Patrick Hofstetter. Eine ganze Reihe von Industriestaaten wie Schweden, Deutschland oder Grossbritannien haben das erkannt. Hofstetter: «Diese Länder sind der Schweiz voraus, weil sie handeln, während die Schweiz erst redet. Damit machen sie Hoffnung für den Klimaschutz.»
Bringen Klimakonferenzen etwas?
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