Tanintharyi Fluss in Myanmar
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02. März 2020

Myanmar – wo Wälder heilig sind

In der Berglandschaft Dawna Tenasserim sind neue Wege gefragt: Die lokalen Gemeinschaften wollen ihre Lebenssituation verbessern und dabei langfristig von den letzten intakten Tropenwäldern Myanmars profitieren.

«Die lokalen Gemeinschaften sind unsere Verbündeten. Nur wenn sie sich bewusst sind, welchen Wert der Wald für sie hat, lässt er sich längerfristig schützen»

«Die lokalen Gemeinschaften sind unsere Verbündeten. Nur wenn sie sich bewusst sind, welchen Wert der Wald für sie hat, lässt er sich längerfristig schützen», sagt Amy Maling. Die Expertin berät das 25-köpfige WWF-Team, das sich für den Erhalt der Berglandschaft Dawna Tenasserim einsetzt. Entlang der Grenze zwischen Myanmar und Thailand befinden sich intakte Waldgebiete, die zu den grössten Südostasiens zählen. Die Region ist viermal grösser als die Schweiz und zu 83 Prozent bewaldet. Diese Wälder sind die grüne Lunge einer viel grösseren Region und versorgen Millionen von Menschen mit sauberem Trinkwasser. Dawna Tenasserim ist Heimat von 50 000 Menschen und Lebensraum für bedrohte Tierarten wie den Tiger und den Asiatischen Elefanten.

Doch diese Schatzkammer der Natur steht unter Druck wegen neuer Strassenprojekte und weil der Wald Monokulturen wie Palmöl und Kautschuk weichen muss. Abholzungen gefährden die Trinkwasserversorgung und fördern die Bodenerosion.

WWF-Myanmar-Mitarbeiterin bei der Feldarbeit
WWF-Myanmar-Mitarbeiterin bei der Feldarbeit
WWF-Myanmar-Mitarbeiter bei der Feldarbeit

Mitarbeitende des WWF Myanmar auf Feldarbeit in der Dawa-Tenasserim-Berglandschaft. Unten rechts: Amy Maling bespricht mit Mitarbeitern die Route.

«Tiger und Elefanten retten können wir nur, wenn wir mit der Bevölkerung arbeiten, die mit ihnen lebt»

Wichtige Partner für den Schutz des Waldes sieht der WWF in indigenen Gemeinschaften wie den Karen. Der Wald ist ihr Zuhause, zu dem sie eine enge Verbindung pflegen und der für sie auch eine religiöse Bedeutung hat. Was für moderne Umweltschützerinnen und Umweltschützer eine «schützenswerte» Landschaft ist, ist für indigene Gemeinschaften eine «heilige» Landschaft. So pflegen viele Gemeinschaften einen nachhaltigen Lebensstil. Für Umweltschutzorganisationen sind die Menschen vor Ort natürliche Verbündete, um Ressourcen zu schonen und wertvolle Lebensräume zu erhalten.

«Tiger und Elefanten retten können wir nur, wenn wir mit der Bevölkerung arbeiten, die mit ihnen lebt», sagt Maling. «Wir reden mit den Menschen über Ernährungssicherheit und darüber, wie sie ihr Einkommen verbessern können», erzählt sie. «Zusammen suchen wir Wege, um die Bedürfnisse der Bevölkerung so zu befriedigen, dass sich ihre Lebensgrundlage verbessert, ohne dass der Lebensraum von Mensch und Tier dabei Schaden nimmt.»

Die Gewürz- und Medizinalpflanze Kardamom beispielsweise wächst im Schatten der Bäume. Die Erntesaison war bisher oft nicht geregelt, so dass die Früchte unreif gepflückt und zu einem tieferen Preis verkauft wurden. Die Konsequenz: Den Menschen gingen dringend benötigte Einnahmen verloren. Nun hat das Dorf Kyiekpilan geregelt, wann man die wertvolle Frucht ernten darf.

Mitglied der Lake Hla Aii Fish Conservation in Myanmar
Kautschuk-Farm-Besitzerin in Myanmar
Kautschuk-Farm-Besitzerin in Myanmar

Für den WWF sind die Menschen vor Ort natürliche Verbündete, um Ressourcen zu schonen und wertvolle Lebensräume zu erhalten.

«Die Menschen vor Ort holzen die Wälder nicht ab oder jagen Tiere einfach so, sondern weil sie keine Alternativen haben.»

Amy Maling spricht aber auch über Wilderei und Abholzung. Die Menschen vor Ort wüssten ganz genau, welche Aktivitäten den Wald belasten: «Sie sind sehr ehrlich zu uns. Sie holzen die Wälder nicht ab oder jagen Tiere einfach so, sondern weil sie keine Alternativen haben.» So sind sie zum Beispiel stark abhängig von Rohstoffen wie Kautschuk. Fallen dessen Preise, schwindet das Einkommen für die Familie. Dann werde unter Umständen gewildert oder Bäume würden abgeholzt, um das Einkommen aufzubessern.

«Unser Ziel ist es also, die Menschen unabhängiger zu machen von der Preisentwicklung einzelner Rohstoffe», sagt Maling. «Wir suchen mit ihnen nach neuen Produkten, die sie im Wald ernten können. So erzielen sie mehr Einkommen.» Der WWF unterstützt die Bauern  dabei, die Anbaumethoden zu verbessern. «Wir stehen mit den Dörfern dauernd in Kontakt und fühlen den Puls», sagt Maling.

Rasche Erfolge sind dabei nicht zu erwarten, denn die Arbeit mit den lokalen Gemeinschaften ist komplex und erfolgt in kleinen Schritten. Der WWF ist erst seit fünf Jahren in Myanmar aktiv und arbeitet mit Partnerorganisationen zusammen. Um die Produktion von nachhaltigem Gummi zu fördern, kooperiert er etwa mit der Tanintharyi- Gummi-Produktionsgesellschaft. Deren 22 Mitglieder verpflichten sich, keine zusätzlichen Wälder abzuholzen. Zugleich profitieren die Mitglieder davon, dass ihr gesamter Kautschuk gesammelt wird und ein erster Verarbeitungsschritt im Kollektiv erfolgt. Dadurch erzielen sie einen höheren Preis.

Wem gehört das Land?

Die politische und wirtschaftliche Öffnung von Myanmar ist ein komplexer Prozess. Wie in vielen Ländern im Umbruch treibt die Frage nach dem Landnutzungsrecht die ländlichen Gemeinschaften um. Dieses Recht ist daher ein zentraler Punkt in den laufenden Friedensverhandlungen zwischen Regierung und den ethnischen Minderheiten. 

Heute können indigene und lokale Gemeinschaften ihr Land in ein Verzeichnis eintragen lassen, das ihnen ihren Besitzanspruch garantiert. Sie dürfen ihr Land auf traditionelle Art nutzen. So werden die Rechte der Gemeinschaften, die nachhaltige Nutzung und der Naturschutz gestärkt. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem Naturschutz, der die Bevölkerung einbezieht und ihr Verantwortung überträgt.

Die Menschen in Myanmar erinnern sich noch an Zeiten, in denen Gebiete zu Schutzgebieten deklariert wurden, ohne die Betroffenen einzubeziehen. Auch über Umsiedlungen wurde berichtet. Da erstaunt es nicht, dass indigene oder lokale Gemeinschaften Umweltschutzorganisationen anfangs mit Misstrauen begegneten. So auch in der Dawna-Tenasserim-Berglandschaft. Am Anfang ihrer Arbeit hätten Mitarbeitende oft berichtet, dass bestimmte Dorfgemeinschaften auf Distanz gingen, erzählt Amy Maling. «Ich beschwichtigte jeweils: Keine Sorge, lasst uns einen Weg finden, um auf sie zuzugehen. Wir müssen das Vertrauen langsam aufbauen und die Menschen vor Ort mit konkreten Taten überzeugen, die ihren Alltag verbessern.»

Das Engagement des WWF ist nicht einfach, denn der Friedensprozess in Myanmar ist noch nicht abgeschlossen. Der Zugang zu bestimmten Regionen ist beschränkt. Der WWF versucht mit allen Akteuren gleichermassen in Kontakt zu stehen und dabei transparent zu bleiben. «Wir betonen immer, dass wir für die Menschen Myanmars arbeiten. Das ist im Interesse des ganzen Landes.»

Austausch zwischen WWF und der lokalen Bevölkerung in Myanmar
Lokale Gemeinden in Myanmar sind aktiv am Waldschutz beteiligt

Die Arbeitsweise des WWF: Naturschutz, der die Bevölkerung einbezieht und ihr Verantwortung überträgt.

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