15. Januar 2026 — Medienmitteilung

Neuer Bericht: Klimaschäden steigen, Schutz bröckelt

Die Folgen der Klimakrise und der Zerstörung der Natur verursachen Schäden in Höhe von über 2 Billionen US-Dollar. Gleichzeitig sind immer weniger dieser Schäden versichert – mit dramatischen Folgen für Menschen, Unternehmen und die Weltwirtschaft. Unsere besten Chancen, die Versicherbarkeit zu wahren, sind intakte Natur und wirksamer Klimaschutz.

«Gesunde, intakte Natur ist der Schlüssel zur Stärkung unserer Widerstandsfähigkeit. In der Schweiz mindern Schutzwälder oder Feuchtgebiete die Schäden von Naturgefahren entscheidend. Damit Risikogebiete weiterhin versicherbar bleiben, müssen wir die Natur als wichtigsten Verbündeten anerkennen und grossflächig fördern. So stärken wir den natürlichen Schutz, fördern die Biodiversität und sparen Kosten.»

Regula Hess, Co-Autorin des Berichts und stellvertretende Leiterin der Abteilung Sustainable Finance, WWF Schweiz

«Der Klimawandel und die Zerstörung natürlicher Schutzräume führen dazu, dass ganze Regionen unversicherbar werden und Millionen Menschen ihren Schutz gegen Klimakatastrophen verlieren. Das hat weitreichende soziale, wirtschaftliche und finanzpolitische Folgen. Um unseren Wohlstand langfristig zu sichern, braucht es eine koordinierte Strategie, die Emissionsreduktion, Naturschutz und neue Versicherungslösungen verbindet.»

Jérôme Crugnola-Humbert, Co-Autor des Berichts und unabhängiger Sustainable-Finance-Experte

Multi-Milliarden-Versicherungslücke bedroht Finanzstabilität

Während Extremwetter aufgrund der Klimakrise laufend zunehmen, nimmt unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber solchen Ereignissen aufgrund des Naturverlusts laufend ab. Die Entwicklungen verstärken sich gegenseitig mit fatalen Folgen. So kann das Risiko für grossflächige Überflutungen in entwaldeten Gebieten um das Siebenfache ansteigen.

Indirekte Effekte eingerechnet, verursachten Naturrisiken wie Dürren, Unwetter, Überschwemmungen, Insektensterben oder Waldbrände im Jahr 2023, Schäden in der Höhe von 2,3 Billionen US-Dollar.

Weil Risiken kaum noch gedeckt werden können, ziehen sich Versicherer aus Regionen zurück oder die Prämien werden derart hoch, dass sie sich niemand mehr leisten kann. Zwischen 2015 und 2024 sind die unversicherten Schäden weltweit im Schnitt um 6–10 Prozent gestiegen.

Besonders dramatisch ist die Lage in den USA: Zwischen 2021 und 2024 lag die Versicherungslücke durchschnittlich bei 64 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Doch auch in Europa wird die Versicherungslücke immer grösser und wuchs zwischen 2021- 23 auf jährlich 59 Milliarden Euro. Neben Gebäuden sind auch die Bereiche Infrastruktur, Landwirtschaft, Lieferketten und Gesundheit zunehmend von nicht versicherten Schäden betroffen.

Risiken für Versicherungsstandort Schweiz

Auch in der Schweiz sind die Schadenskosten in den letzten zehn Jahren gestiegen. Mit 74 Prozent liegt die Schadensdeckung im internationalen Vergleich jedoch hoch. Gründe dafür sind die obligatorischen Gebäudeversicherungen sowie Investitionen in Prävention – vor allem in den Hochwasserschutz rund um Gewässer und Schutzwälder. Doch gerade in Bezug auf Überschwemmungen durch Starkregen und damit verbundenes Oberflächenwasser gibt es grosse Herausforderungen: 62 Prozent der Gebäude in der Schweiz sind diesem Risiko ausgesetzt. Das sind rund 1,3 Millionen Gebäude mit einem Neuwert von 2300 Milliarden Franken.  

Neben den physischen Risiken stellen systemische Risiken die grösste Gefahr für den Versicherungsstandort-Schweiz dar. Wenn hohe Unwetterschäden mit einem Börsencrash oder einer Schuldenkrise zusammenfallen, trifft das speziell die weltweit tätigen Rückversicherer hart. Der Bericht zeigt, wie die FINMA und die Nationalbank ihre Risikoanalysen ergänzen können.

Natur ist die beste Versicherung

Damit die Versicherungslücke nicht weiter wächst, plädieren die Autor:innen für einen ganzheitlichen Ansatz.  Die Grundlage bilden naturbasierte Lösungen. Zusätzlich müssen staatlich unterstütze Versicherungslösungen so ausgestaltet sein, dass Anreize entstehen, Risiken zu reduzieren, anstatt weiterhin in Hochrisikogebieten zu bauen.

Nicht zuletzt sind die Herausforderungen nur zu bewältigen, wenn sie an den Wurzeln angepackt werden: Internationale und nationale Anstrengungen gegen Naturverlust und zur Reduktion von Treibhausgasen sind deshalb unerlässlich, so die Autor:innen.

Schutzwald: Paradebeispiel einer naturbasierten Lösung

Etwa vier Milliarden Franken jährlich – so hoch wird der Wert der Schutzfunktion des Waldes in der Schweiz beziffert. Waldbestände in Gefahrenzonen, oftmals an Hängen, schützen Häuser und Infrastrukturen in angrenzenden Gebieten vor Lawinen, Erdrutschen, aber auch Überschwemmungen und Erosion. Im Vergleich zu technischen Massnahmen mit gleichwertiger Schutzfunktion wie Lawinenverbauungen ist der Erhalt von Schutzwald, über 100 Jahre gerechnet, rund 25-mal günstiger.

Über den Bericht: Der Bericht «Tackling the insurance protection gap» entstand in Zusammenarbeit verschiedener WWF-Büros (UK, USA, Deutschland, Österreich und der Schweiz). Ein breites Konsortium aus Universitäten, NGOs und Versicherungen (Allianz, Generali, Howeden Group Holdings, Cambridge Institute for Sustainability Leadership, UC Berkeley, LSE, European Climate Foundation etc.) unterstützte die Arbeit beratend. Die Analyse fokussiert auf die Situation in entwickelten Volkswirtschaften, wobei der Schwerpunkt auf der EU, dem Vereinigten Königreich und den USA liegt. Die politischen Empfehlungen richten sich ebenfalls in erster Linie an entwickelte Länder.

Veranstaltungshinweis: Am 21. Januar wird der Bericht an einer Veranstaltung im Rahmen des WEF diskutiert. Weitere Informationen hier.

Kontakt: Sebastian Obrist, Mediensprecher, WWF Schweiz, sebastian.obrist@wwf.ch, 077 417 68 19