02. Juli 2020 — Medienmitteilung

Wirtschaftswissenschaften und Nachhaltigkeit – eine Annäherung mit Potential

Nachhaltigkeitsthemen wurden vermehrt in die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge aufgenommen – sie sind aber noch zu wenig tief verankert.

Der WWF hat untersucht, wie die Nachhaltige Entwicklung in den wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen in der Schweiz verankert ist und die Erkenntnisse mit jenen aus der WWF-Analyse aus dem Jahr 2018 verglichen. Für die Nachhaltige Entwicklung sind wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge von zentraler Bedeutung: 15 Prozent aller Studierenden in der Schweiz wählen ein Studium mit einem ökonomischen Schwerpunkt – und sind später oft einflussreiche Fach- und Führungskräfte.

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Study Guide

Die Resultate aus einer Befragung von 111 Studiengangleitenden hat der WWF in einem Studienratgeber und dem Bericht «Nachhaltige Entwicklung in den Wirtschaftswissenschaften 2020» zusammengefasst. Themen, Lernmethoden und Handlungskompetenzen wurden untersucht. Die wichtigsten Erkenntnisse sind:

  • 2020 wurden die Nachhaltigkeitsthemen in den Studiengängen im Vergleich zu 2018 zeitlich umfangreicher behandelt. Das gilt sowohl für Bachelor- und Masterstudiengänge als auch für Universitäre Hochschulen und Fachhochschulen. Die Studienrichtung «Banking & Finance» schneidet bei den Pflichtveranstaltungen etwas schlechter ab als die anderen Studienrichtungen.
  • Nachhaltigkeitsthemen werden zu oft nur in Wahlveranstaltungen behandelt, gehören aber ins Zentrum der Wirtschaftswissenschaften und damit in Pflichtveranstaltungen.
  • Bei der Behandlung der Nachhaltigkeitsthemen werden durchschnittlich in einem Drittel der Zeit Lernmethoden eingesetzt, welche die Handlungskompetenzen stark fördern. Der Anteil ist in Studiengängen der BWL höher als in den anderen Studienrichtungen, bei Fachhoch schulen grösser als bei Universitären Hochschulen und in Masterstudiengängen leicht grösser als in Bachelorstudiengängen.
  • Die meisten Handlungskompetenzen für eine Nachhaltige Entwicklung werden etwa gleich stark gefördert. Deutlich schwächer schneiden wertebasierte, soziale und emotionale Kompetenzen ab. VWL- sowie Banking & Finance-Studiengänge fördern die Kompetenzen weniger stark als Studiengänge der BWL und der Wirtschaftswissen schaften (Kombination BWL/VWL).
  • Die Studiengangleitenden nennen mangelnde finanzielle oder personelle Ressourcen als wichtigsten hemmenden Faktor. Der wichtigste fördernde Faktor sei die Unterstützung durch Fakultäts- oder Hochschulleitungen.
  • Knapp 40 Prozent der Studiengangleitenden geben an, bei den Studiengang entwick lungen in den nächsten zwei bis vier Jahren die Nachhaltigkeit stark oder sehr stark verankern zu wollen.

Zitat Simon Zysset, Verantwortlicher Bildungspartnerschaften beim WWF Schweiz:
«Nachhaltigkeit wird in Wirtschaftsstudiengängen oft oberflächlich, nur theoretisch und in Wahlveranstaltungen behandelt. Diese Kompetenzen gehören für den WWF ins Zentrum des Studiums, weil sie für eine nachhaltige Wirtschaft wichtig sind.»

Zitat Luc Pillard, Leiter Human Resources, Coop:
«Wir sind überzeugt, dass nur ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen Erfolg haben kann. Deshalb sind wir interessiert an Hochschulabgängerinnen und -abgängern, welche die Werte der Nachhaltigen Entwicklung mit uns teilen und die sich mit ihren Kompetenzen und Ideen bei uns dafür engagieren wollen.»

Die Wirtschaft braucht Fach- und Führungskräfte, die kritisch Denken und gängige, nicht nachhaltige Denkmodelle und Handlungsweisen hinterfragen. In seinem Ratgeber für Studierende stellt der WWF die Verankerung der Nachhaltigen Entwicklung differenziert dar. Er zeigt, wieviel Nachhaltigkeit in welchem wirtschaftswissenschaftlichen Studiengang steckt: www.wwf.ch/studienratgeber2020, www.wwf.ch/study-guide2020

Die Verankerung der Nachhaltigkeit in die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge in der Schweiz ist in den letzten zwei Jahren klar gestiegen. Angesichts der Notwendigkeit einer Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft braucht es aber weitergehende Reformen: Nachhaltigkeit soll als zentrales Leitkonzept anerkannt und genutzt werden. Jetzt, wo viele Studiengangreformen anstehen, empfiehlt der WWF, diese Chance zu nutzen und die Nachhaltige Entwicklung und ihre Themen, Denkweisen, Perspektiven, Methoden und Kompetenzen in den wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen und insbesondere in den Pflichtveranstaltungen durchgängig und vertieft zu verankern. Das ist nur mit inter- und transdisziplinär ausgerichteten Studiengangentwicklungen möglich.

Den Bericht mit ausführlicher Analyse und Grafiken finden Sie hier: www.wwf.ch/wirtschaftswissenschaften2020, www.wwf.ch/economic-sciences2020

Hintergrund zum Bericht «Nachhaltige Entwicklung in den Wirtschaftswissenschaften 2020. Themen, Lernmethoden und Handlungskompetenzen in den Studiengängen der Schweizer Hochschulen»
Der WWF hat alle Studiengänge an Schweizer Hochschulen analysiert, welche mindestens 50 Prozent wirtschaftswissenschaftlichen Inhalt aufweisen. Von 121 im Frühling 2020 ange schriebenen Studiengangleitenden haben 111 die Befragung ganz oder teilweise ausgefüllt. Ausgewertet wurde nach den Aspekten:

  • Studienrichtung/Teildisziplin: BWL, VWL, Wirtschaftswissenschaften (Kombi BWL/VWL), Banking & Finance
  • Pflicht- und Wahlveranstaltungen
  • Stufe: Bachelor, Master
  • Hochschultyp: Universitäre Hochschule, Fachhochschule

Die 72 Studiengänge, zu denen auch 2018 Angaben gemacht wurden, bilden die Grundlage für den Vergleich der Entwicklung in den letzten zwei Jahren.

Kontakt
Simon Zysset, Projektverantwortlicher «Nachhaltige Hochschulen» beim WWF Schweiz, 079 606 56 76, simon.zysset@wwf.ch