Erdbeerfarm in Andalusien

Coto de Doñana und die Erdbeeren

Der Nationalpark Coto de Doñana im südlichen Spanien ist ein ökologisch bedeutendes Feuchtgebiet für Millionen von Zugvögeln und Lebensraum für den stark gefährdeten Iberischen Luchs. Doch in der Region wird intensive Landwirtschaft betrieben, insbesondere für den Anbau von Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Reis. 

Dieser Sektor ist mit enormem Wasserverbrauch verbunden. Der WWF und die Migros haben daher ein Projekt gestartet, um den Anbau von Erdbeeren über die kommenden Jahre Schritt für Schritt ökologischer und sozialverträglicher zu machen.  

Warum ist der Nationalpark Coto de Doñana so wichtig für den WWF?

Der Nationalpark liegt im Südwesten Spaniens, an der Costa de la Luz. Hinter dem mit Muscheln übersäten Meeresstrand erhebt sich ein kilometerbreiter, bis zu 30 Meter hoher Wanderdünengürtel, gefolgt von Pinienwäldern und ausgedehnten Süsswasserlagunen.  

Diese Lagunen und Sümpfe sind von besonderem Wert. Sie sind Heimat für über 4000 Tier- und Pflanzenarten. Über sechs Millionen Zugvögel machen hier auf ihrem langen Weg aus den Winterquartieren in Afrika zu ihren Brutgebieten im Norden Europas haltmachen. In der gesamten Coto de Doñana werden 360 Vogelarten beobachtet, darunter der seltene Kaiseradler und der Schlangenadler. Unter den 28 Säugetieren ist der Iberische Luchs der seltenste. Etwa 50 von noch ungefähr 150 verbliebenen Katzen insgesamt haben hier ein wichtiges Rückzugsgebiet.  

Seit seiner Gründung ist der WWF eng mit der Doñana verbunden. 1963 kaufte er 6700 Hektar Land, welche in Spaniens erstes Schutzgebiet überführt wurden. Das war der Beginn des Reservates Coto de Doñana. Der Park ist Nationalpark, Ramsar-Schutzgebiet, Natura-2000-Schutzgebiet, Unesco-Biosphärenreservat und Unesco-Weltnaturerbe. Für die Region ist er eine wichtige Stütze der regionalen Wirtschaft, mit Arbeitsplätzen für 200'000 Bewohner durch Fischerei, Landwirtschaft, Forschung und Öko-Tourismus. 

Welche Umweltprobleme gibt es in der Coto de Doñana?

Rund um den Nationalpark findet intensive Landwirtschaft statt – insbesondere für den Anbau von Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Reis. Doch Wasser ist in Andalusien ein knappes Gut. Zur Veranschaulichung: Für ein Kilo Oliven braucht es 4500 Liter Wasser, für ein Kilo Mango 1600 Liter und für ein Kilo Tomaten immerhin rund 200 Liter Wasser.  

Um die grossen Wassermengen zu erschliessen, die für die Landwirtschaft nötig sind, bohrten die Landwirte unzählige Brunnenlöcher, viele davon sind illegal. Alleine für den Erdbeeranbau in Huelva wurden schätzungsweise 1000 illegale Brunnen gebaut und 3000 Hektar landwirtschaftliche Flächen illegal bebaut. Das führte zu einem 80-prozentigen Rückgang des Wasserzuflusses ins Feuchtgebiet.  

Die Landwirtschaft spielt in allen Provinzen Andalusiens wirtschaftlich eine sehr grosse Rolle und generiert viele Arbeitsplätze. Die Erdbeerindustrie der Huelva erwirtschaftet jährlich 400 Millionen Euro. Diese wichtige Einkommensquelle für die Bevölkerung vor Ort kann man nicht einfach einstellen.  

Was tut der WWF für den Schutz des Nationalparks?

Der Zustand des Nationalparks Coto de Doñana ist das Ergebnis jahrelanger Untätigkeit und wiederholter Gesetzesverstösse der spanischen Behörden. Spanien verliert aufgrund der zu grossen Wasserentnahmen nicht nur ein weltbedeutendes Feuchtgebiet, sondern auch den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen für die Region.  

Seit Jahren fordert der WWF die spanische Regierung auf, alle illegalen Brunnen und illegal bebauten Landwirtschaftsflächen in der Region aufzuheben und ein wirkungsvolles Wassermanagement einzuführen. Weder das Umweltministerium noch die andalusische Regierung oder die andalusischen Gemeinden haben bis jetzt genug getan, um die illegalen Wasserentnahmen zu verhindern. Die schleichende Verschlechterung der Lebensräume verstösst gegen die Vogelschutz- und die Habitatrichtlinie der EU. Deshalb hat der WWF Spanien 2010 bei der EU-Kommission eine Beschwerde gegen die spanische Regierung eingereicht. Im Januar 2019 kündigte die Europäische Kommission an, Spanien vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen. Das ist der letzte Schritt in diesem Verfahren.  

Parallel zu diesem langwierigen Prozess will der WWF anhand von konkreten Beispielen aufzeigen, dass ein umwelt- und sozialverträglicherer Erdbeeranbau in Huelva möglich ist.  

Was wird mit dem Projekt von WWF und Migros besser?

Beim Start des Projektes liegt der Fokus auf der legalen Nutzung von Wasser und Boden: Dazu mussten die beteiligten Erdbeer-Anbauer nachweisen, dass sie den Boden legal nutzen. Sie mussten Sonden und Messgeräte einbauen, die den Wasserbedarf messen und den Wasserverbrauch exakt erfassen. Mittels Tröpfchenbewässerung wird dieser jetzt reduziert. Das Projekt wird schrittweise über mehrere Jahre auf insgesamt 74 Massnahmen ausgedehnt. Dazu gehören effizientes Wassermanagement, verantwortungsvoller Umgang mit Pestiziden, Biodiversität, Bodenschutz sowie soziale Arbeitsbedingungen.

Sind die Erdbeeren aus dem Projekt gleichwertig wie Bio-Erdbeeren?

Nein. Ziel des Erdbeer-Projektes ist es, die konventionelle Produktion zu verbessern. Es geht dabei um die grosse Masse der Erdbeeren, die heute noch keine oder nur minimale ökologische und soziale Kriterien erfüllen. Das Projekt Erdbeeren gehört zum «Nachhaltigkeitsprogramm Früchte & Gemüse», das die Migros und der WWF gemeinsam führen. Ziel ist es, den Anbau von ausgewählten konventionell produzierten Gemüsen und Früchten umwelt- und sozialverträglicher zu machen.  

Warum fördert der WWF nicht den Anbau von Bio-Erdbeeren?

Das tut der WWF bereits. Die Migros hat sich gegenüber dem WWF verpflichtet, den Anteil des Bio- und des Terra-Suisse-Labels zu steigern. Das schliesst auch Erdbeeren ein, wo der Bio-Anteil bei der Migros heute erst 6 bis 8 Prozent beträgt. Mit dem gemeinsamen Projekt in Spanien soll gleichzeitig der Anbau der grossen Masse an Erdbeeren, die erst mit den labels GlobalGAP / Grasp und BSCI zertifiziert sind, verbessert werden. Denn nicht alle Konsumenten werden Bio-Produkte kaufen.  

Werden die Projekt-Erdbeeren mit Pestiziden behandelt?

Ja. Pestizide und Dünger dürfen im Projekt jedoch nur eingeschränkt und nach strengen Kriterien verwendet werden. Hochgefährliche Pestizide, die auf der Liste des deutschen Vereins Pestizid-Aktions-Netzwerk stehen, sind strikte verboten und dürfen nicht eingesetzt werden.  

Wäre es nicht besser, wir würden auf spanische Erdbeeren verzichten und solche aus der Schweiz essen?

Erdbeeren aus Spanien schliessen in der Ökobilanz schlechter ab als Erdbeeren aus der Schweiz im Sommer. Es ist am sinnvollsten, Schweizer Erdbeeren zu kaufen, sofern diese nicht aus einem fossil beheizten Treibhaus stammen. Diese haben ab Ende Mai Saison (siehe Saisonkalender). 

Weil aber viele Konsumentinnen und Konsumenten nicht so lange warten wollen, hat der WWF zusammen mit der Migros dieses Erdbeer-Projekt gestartet, das spanische Erdbeeren aus dem Breitensortiment umwelt- und sozialverträglicher machen will. Damit will der WWF nicht das Marketing der Migros für spanische Erdbeeren unterstützen, sondern den von Wasserknappheit bedrohten Nationalpark Coto de Doñana schützen. 

Weshalb setzt sich der WWF nicht gegen den Erdbeer-Anbau in der Region ein?

Ein Konsumverzicht in der Schweiz hilft der Doñana nicht. Die Erdbeeren gehen nach ganz Europa. Wir wollen mit der Migros eine umweltverträglichere Landwirtschaft anstossen und ein Zeichen für andere Produzenten setzen. Seit den 1970er Jahren hat Spanien stark in die Landwirtschaft investiert. Die Landwirtschaft generiert in allen Provinzen viele Arbeitsplätze. Der Erdbeer-Anbau in Huelva erwirtschaftet jährlich 400 Millionen Euro und ist für die Region neben dem Tourismus ebenfalls ein wirtschaftlich wichtiger Sektor. Weil die spanische Regierung der Wasserübernutzung aber untätig zuschaut, startet der WWF mit der Migros nun ein Projekt, um den Anbau von Erdbeeren umwelt- und sozialverträglicherer zu gestalten.