30. Juni 2026 — Medienmitteilung

Schweizer Versicherer heizen Klima weiter an

Eine neue Vergleichsstudie der NGO ShareAction, unterstützt vom WWF, zeigt: Viele der weltweit grössten Versicherungsunternehmen reagieren unzureichend auf die Klima- und Biodiversitätskrise. Trotz vereinzelter guter Ansätze gilt das auch für die untersuchten Schweizer Unternehmen.

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  • Versicherer können den ökologischen Wandel beschleunigen oder die Klimakrise und den Naturverlust weiter verschärfen. 
  • Aktuell fehlen insbesondere bei der Ausweitung von fossilen Aktivitäten (Öl-, Gas- und Kohleförderung) robuste Ausschlusskriterien. 
  • Trotz Fortschritten bleibt Biodiversität ein blinder Fleck. 
  • Schweizer Unternehmen bewegen sich maximal im Mittelfeld. 
  • Die vereinzelt guten Ansätze belegen, dass der Sektor den Klima- und Naturschutz voranbringen kann.
     

Dazu Regula Hess, Leiterin Bereich Versicherungen beim WWF Schweiz:  

«Versicherungen tragen Risiken nicht nur, sie prägen aktiv, wie sich diese Risiken entwickeln. Wer neue Öl- und Gasprojekte weiter absichert oder finanziert, verschärft letztlich genau jene Schäden, gegen die die Branche später Schutz bieten soll.»  

Kein Unternehmen mit Bestnote
Ein Jahr nach dem verheerenden Bergsturz in Blatten, fünf Jahre nach den Überschwemmungen im Aartal und mitten während einer historischen Hitzewelle zeichnet die Studie ein ungenügendes Bild der Branche. Kein einziges Unternehmen erhält die höchste Bewertung A. Die besten Versicherer erreichen die Note B, während die Mehrheit im unteren Bereich (D bis F) liegt.

Das liegt unter anderem daran, dass 40 Prozent der Versicherer keine Einschränkungen für Kohle kennen und rund 70 Prozent über keinerlei Einschränkungen bezüglich der Ausweitung von Öl- und Gasprojekten verfügen. Glaubwürdige kurzfristige Zwischenziele auf dem Weg Richtung Netto‑Null fehlen weitgehend.

Gleichzeitig werden Biodiversitätsrisiken bisher kaum berücksichtigt. Nur 10 Prozent der untersuchten Versicherer legen offen, dass sie Natur beziehungsweise die Risiken ihrer Degradierung explizit in Katastrophenmodelle integrieren. Insgesamt deutet die Analyse darauf hin, dass die Branche ihre zentrale Rolle im Umgang mit Klima- und Naturrisiken weder ausreichend anerkennt noch wahrnimmt.

Schweizer maximal Mittelmass 
Während Schweizer Versicherer traditionell zu den einflussreichen Akteuren im globalen Versicherungsmarkt zählen, liegen sie im aktuellen Rating nur im Mittelfeld oder darunter.

So erreicht Swiss Re als bestplatziertes Schweizer Unternehmen eine C‑Bewertung. Helvetia Baloise erzielen die Note D, während Zurich und Chubb lediglich eine E‑Bewertung erreichen und damit weniger als ein Viertel der Kriterien erfüllen. Beazley, welches kürzlich von Zurich aufgekauft wurde, erhält mit F gar die schlechteste Note und stellt somit ein Reputationsrisiko für Zurich dar.  

Keine systemischen Rückschritte und lobenswerte Ansätze 
Trotz insgesamt durchzogener Resultate zeigt die Analyse auch, dass es im Vergleich zur letzten Ausgabe keine systematischen Rückschritte in der Branche gibt. In Anbetracht der Veränderungen im politischen Umfeld ist dies bereits positiv zu werten.

Zudem zeigen viele gute Ansätze, in welche Richtung sich die Branche entwickeln könnte. Würde eine Versicherung all die Ansätze vereint umsetzen, wäre damit die Bestnote A bereits erreicht. Auch einzelne Schweizer Versicherer zeigen teilweise innovative und fortschrittliche Ansätze.

So hat Swiss Re umfassende Anforderungen für besonders risikoreiche Sektoren wie Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Ernährung eingeführt. Dazu gehören unter anderem verbindliche Nachhaltigkeitszertifizierungen (z. B. FSC oder RSPO), der Ausschluss von Projekten mit Entwaldungsrisiken sowie die Berücksichtigung von Menschenrechten entlang der Wertschöpfungsketten.

Chubb schliesst die Versicherung von Öl- und Gasprojekten in einem breiten Spektrum geschützter Gebiete – darunter Nationalparks und andere IUCN‑Schutzkategorien – konsequent aus.

Einen fortschrittlichen Ansatz im Anlagebereich verfolgt die Zurich Insurance Group, die in der Zusammenarbeit mit externen Vermögensverwaltern ESG‑Risiken systematisch adressiert und die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in Anlageentscheidungen aktiv einfordert.

Mehr Verantwortung = Eigeninteresse 
Die Versicherungsbranche ist an einem strategischen Punkt. Denn Versicherer entscheiden mit, welche wirtschaftlichen Aktivitäten abgesichert und finanziert werden, und beeinflussen damit auch, wie sich Klima- und Naturrisiken künftig entwickeln. Wer heute Risiken mitverursacht, erhöht morgen die Kosten für Schäden, Prämien und Schutzlücken. Um die langfristige Stabilität des Versicherungssystems zu sichern, braucht es nun eine konsequente Ausrichtung auf zukunftsfähige Geschäftsmodelle.

Für die Schweiz könnte die Finanzplatz-Initiative einen wichtigen positiven Impuls dazu beitragen. Sie fordert unter anderem, dass klimaschädliche Geschäfte wie die Abholzung von Regenwald oder die Ausweitung von Öl- oder Gasförderung nicht mehr versichert werden dürfen. Damit würden sich die Schweizer Versicherer im Ranking klar verbessern.
 

Kontakt:
Jonas Schmid, Mediensprecher, WWF Schweiz, jonas.schmid@wwf.ch, 079 241 60 57
 

Über die Studie:
Die Analyse «Insuring Disaster 2026» bewertet 30 der weltweit grössten Schaden- und Unfallversicherer sowie 10 Lloyd's Managing Agents anhand ihrer Klima‑, Umwelt‑ und Sozialstandards, sowie hinsichtlich Governance und Stewardship. Grundlage sind insgesamt 20 zentrale Kriterien, etwa zu fossilen Energien, Biodiversität und Netto-Null‑Zielen. Dabei wurden Noten von A bis F vergeben.  

Die Bewertung erfolgt danach, wie viele dieser Standards ein Unternehmen erfüllt: Für die Bestnote A müssten konventionelle Versicherer mindestens 14 zentrale Kriterien erfüllen – dies erreicht aktuell kein Unternehmen.

Weitere Informationen:  https://shareaction.org/reports/insuring-disaster-2026-shareactions-assessment-of-40-of-the-worlds-largest-insurers