Wasser – unterschätztes Risiko für die Finanzstabilität
Die weltweite Wasserkrise entwickelt sich zu einem systemischen Risiko für Finanzmärkte, Preise und Volkswirtschaften. Das geht aus dem heute veröffentlichten Leitfaden der WWF Greening Financial Regulation Initiative (GFRI) hervor. Er unterstützt Zentralbanken, Finanzaufsichten und Finanzinstitute dabei, wasserbezogene Risiken systematisch zu berücksichtigen.
Der Bericht kommt zu einem klaren Befund: Wasserknappheit, Verschmutzung und Extremereignisse wirken sich direkt auf Inflation, Unternehmensgewinne, Versicherungsverluste und staatliche Haushalte aus, werden in der Finanzaufsicht jedoch bislang nur fragmentarisch berücksichtigt.
Viele dieser Risiken gelten bislang als lokal oder versicherbar. Der Leitfaden zeigt jedoch, dass diese Annahme kippt, wenn Wasserrisiken gleichzeitig mehrere Branchen, Lieferketten und Staaten treffen und somit Diversifikation, Versicherung und kurzfristige Preisanpassungen versagen. Physische Risiken werden so zu makroökonomischen Schocks mit Relevanz für die Finanzstabilität.
Dazu Carolin Carella, Co-Autorin des Leitfadens: «Wasser ist die stille Grundlage unserer Wirtschaft – und genau deshalb fehlt es in vielen Risikoanalysen. Wenn Wasser knapp oder verschmutzt ist, wirken die Schocks gleichzeitig auf Lieferketten, Preise und Versicherungsbilanzen. Dann versagt Diversifikation – und das Risiko wird systemisch.»
Auch die Schweiz ist betroffen
Der WWF‑Bericht zeigt, wie vielfältig und umfassend sich Wasserrisiken auf die Wirtschaft auswirken:
- Dürren und Überschwemmungen verstärken den Inflationsdruck, indem sie die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe treiben und Lieferketten destabilisieren.
- Versicherungs- und Rückversicherungsschäden steigen, während Anbieter ihre Preise erhöhen oder sich im Extremfall ganz aus Hochrisikoregionen zurückziehen.
- Sinkende Grundwasserspiegel und abnehmende Wasserqualität beeinträchtigen die Wasserversorgung und schmälern die Umsätze von Unternehmen.
- Staatsfinanzen werden durch höhere Ausgaben für Katastrophenschutz, Infrastruktur und Preisstützung belastet.
Diese Risiken im Zusammenhang mit zu viel, zu wenig oder verschmutztem Wasser betreffen auch die Schweizer Wirtschaft. Schmelzende Gletscher, niedrige Wasserstände oder Verschmutzung durch chemische Stoffe wie PFAS beeinträchtigen Sektoren wie die Wasserkraft, die Chemie – und Pharmabranche, Industrieexporte sowie die Produktion von Lebensmitteln.
Die Auswirkungen zeigen sich auch konkret an einzelnen Unternehmen. So traf es den Zugbauer Stadler im Jahr 2024 gleich drei Mal mit Überschwemmungen in Valencia (Spanien), in Dürnrohr (Österreich) und im Wallis. Die extremen Wetterereignisse beeinträchtigten die Lagerbestände, die Arbeitswege der Mitarbeitenden und den laufenden Betrieb. In der Folge verzeichnete Stadler im Jahr 2025 einen Umsatzrückgang von 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und senkte die Dividende von 0,9 CHF auf 0,2 CHF pro Aktie.
Von der Risikoquelle zum Stabilitätsfaktor
Der Leitfaden zeigt auch: Investitionen in Infrastruktur, Renaturierung und effiziente Nutzung können Risiken senken und langfristig Wachstum stabilisieren. Dennoch investieren öffentliche und private Akteure noch zu wenig in naturbasierte Lösungen. 2023 flossen schätzungsweise dreissigmal mehr Mittel in umweltschädliche als in nachhaltige Finanzströme.
Das führt zu einem Rückkopplungseffekt: Das Finanzsystem finanziert weiterhin Praktiken, die Wasserknappheit und -verschmutzung verschärfen – und erhöht damit langfristig die Risiken in den eigenen Bilanzen.
Appell an Zentralbanken und Aufsichtsbehörden
Der WWF ruft Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden dazu auf, Wasserrisiken und entsprechende Szenarien explizit in ihre Finanzstabilitätsanalysen zu integrieren. Zudem soll die Finanzbranche im Rahmen aufsichtlicher Erwartungen und Offenlegungspflichten eine klarere Orientierung zum Thema Wasser erhalten.
Dazu Christine Colvin, Leiterin globale Wasserpolitik beim WWF:«Kein Akteur kann die Wasserkrise im Alleingang lösen. Ein abgestimmtes Vorgehen von Regierungen, der Realwirtschaft und dem Finanzsektor ist unerlässlich. Andernfalls läuft das Finanzsystem Gefahr, die laufenden Bemühungen um Wassersicherheit und Resilienz zu untergraben. »
Kontakt:
Sebastian Obrist, Mediensprecher WWF Schweiz, sebastian.obrist@wwf.ch, 077 417 68 19
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