Unkontrollierter Waldbrand in Brasilien
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30. März 2020

Mein Steak und der Regenwald – 10 Mythen über die Zerstörung der Wälder

Brände wüten im Amazonas, Rinderherden weiden, wo einst üppiger Tropenwald stand, Palmölplantagen erstrecken sich kilometerweit über tropische Inseln. Irgendwie hängt unser Konsum mit der Zerstörung der Wälder zusammen, und wir müssen handeln. Aber was sind die Fakten und was sind die Mythen über die Zerstörung unserer Wälder?  

Mythos 1: Die meisten Bäume werden für Papier oder Holz gefällt.

Die wachsende Nachfrage nach Holz ist eine grosse Bedrohung für die Wälder unserer Welt. Tatsächlich ist aber die Landwirtschaft der grösste Treiber der Entwaldung. Das heisst, dass die Herstellung unserer Lebensmittel ganz direkt für die fortschreitende Entwaldung verantwortlich ist. In tropischen und subtropischen Ländern werden 73 Prozent der abgeholzten Flächen für die Landwirtschaft gerodet.  

Der grösste Teil der Entwaldung steht im Zusammenhang mit Fleisch, Sojabohnen und Palmöl. Die Fleischproduktion treibt die Entwaldung besonders stark voran, denn neben der enormen Rodung von Tropenwald für Viehweiden werden auch riesige Flächen für den Anbau von Futterpflanzen abgeholzt. 

Mythos 2: Das ist unvermeidlich – es gibt zu viele Menschen zu ernähren.

Das Tragische an der Waldzerstörung ist, dass sie absolut unnötig ist. Wir müssen nicht einen einzigen weiteren Baum fällen, um die wachsende globale Bevölkerung zu ernähren. 

Wir verschwenden derzeit etwa 30 Prozent der Lebensmittel, die wir weltweit anbauen. Das heisst, dass eine riesige Landfläche genutzt wird, um Essen herzustellen, das weggeworfen wird. Wenn wir weniger verschwenden würden, könnten wir mit der gleichen Landwirtschaftsfläche mehr Menschen ernähren. 

Dann ist da zweitens die Art und Weise, wie wir das Land nutzen. Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem begünstigt kurzfristige, finanzielle Erträge. Dafür werden aber öffentliche Güter ausgebeutet, wie etwa die reichhaltigen Böden. Dies setzt unsere Wälder unter Druck, da es sich unter dem gegenwärtigen System mehr lohnt, neue Waldflächen abzuholzen und sie innert kurzer Zeit durch Überproduktion auszulaugen, anstatt bereits gerodete Flächen nachhaltig zu bewirtschaften. Durch eine Korrektur dieser finanziellen Anreize könnte ein Grossteil des degradierten Landes saniert und wieder ertragreich genutzt werden. 

Schliesslich könnte eine Änderung unserer Ernährungsgewohnheiten auch dazu beitragen, dass wir mehr Menschen auf weniger Land ernähren können. In der westlichen Welt konsumieren wir derzeit viel Fleisch, Eier und Milchprodukte, für deren Produktion viel mehr Land als für pflanzliche Nahrungsmittel benötigt wird. Wenn wir mehr pflanzliche und weniger tierische Lebensmittel essen, können wir das bereits verfügbare Landwirtschaftsland besser nutzen. 

Mythos 3: Rindfleisch ist das einzige Nahrungsmittel, das die Abholzung verursacht.

Vielleicht haben auch Sie schon Bilder von riesigen Rinderweiden gesehen, wo einst Tropenwald stand. Aber Rindfleisch ist bei Weitem nicht das einzige Nahrungsmittel, das die Abholzung verursacht. Fast die Hälfte der weltweiten Entwaldung wird durch den Anbau von Nutzpflanzen verursacht – und Soja ist der Hauptverantwortliche. Es handelt sich dabei nicht um Soja für den menschlichen Verzehr, sondern um Futtersoja. Mehr als 80 Prozent des global produzierten Sojas wird zur Fütterung von Tieren – insbesondere Geflügel und Schweinen – verwendet. Das heisst, dass unser Poulet auf dem Teller indirekt die Zerstörung des Tropenwaldes bewirkt. 

Neben Fleisch und Milchprodukten ist Palmöl ein weiterer Treiber der Waldzerstörung. Palmöl finden wir in fast 50 Prozent aller abgepackten Produkte im Supermarkt: in Pizza, Schokolade, aber auch in Deodorants, Shampoos, Zahnpasten und Lippenstiften. Verantwortungslose Palmölproduktion ist ein Hauptgrund für die Waldzerstörung einiger der artenreichsten Wälder der Welt, vor allem in Indonesien und Malaysia, die zusammen 85 Prozent des globalen Palmöls produzieren. Die ungezügelte Erweiterung dieser Plantagen zerstört den Lebensraum von bedrohten Tieren wie dem Orang-Utan oder dem Sumatra-Nashorn. 

Mythos 4: Der Boykott von Produkten mit Palmöl wird die Abholzung stoppen.

Der Boykott von Produkten mit Palmöl – indem wir sie beim Einkaufen meiden oder indem wir Unternehmen auffordern, auf Palmöl zu verzichten – kann unbeabsichtigte Folgen für die Menschen und den Planeten haben.  

Nicht Palmöl an sich ist das Problem, sondern wie und wo es angebaut wird. Palmöl ist eine unglaublich effiziente Pflanze, die mehr Öl pro Landfläche produziert als jede andere gleichwertige Pflanzenölpflanze. Weltweit deckt es 35 Prozent des weltweiten Pflanzenölbedarfs auf nur 10 Prozent der für den Anbau von Pflanzenölen genutzten Fläche. Um die gleiche Menge Pflanzenöl aus vergleichbaren Pflanzen wie Soja oder Kokosnuss zu gewinnen, benötigte man die vier- bis zehnfache Landfläche, was das Problem nur in andere Regionen der Welt verlagern und andere Lebensräume und Arten bedrohen würde.  

Der Boykott von Palmöl könnte daher nicht weniger, sondern mehr Abholzung verursachen. Wir brauchen deshalb Unternehmen, die konsequent nur nachhaltiges Palmöl verwenden, das Mensch und Natur respektiert und schützt. Und wir sollten diejenigen Unternehmen kritisieren, die dies nicht tun! 

Mythos 5: Ich kaufe nur Schweizer Fleisch, das ist ja kein Problem.

Schweizer Fleisch zu kaufen, ist grundsätzlich ein guter Ansatz: Es wird nach hiesigen Tierschutz-Standards produziert, es werden lokale Landwirte unterstützt und unnötige Flugkilometer eingespart. Aber auch Schweizer Fleisch trägt indirekt seinen Teil zur Zerstörung der Tropenwälder bei. 

Sojabohnen – eine proteinreiche Bohne, die in wertvollen Lebensräumen in Südamerika angebaut wird – werden auch hier in der Schweiz an Kühe, Hühner und Schweine verfüttert. In der Schweiz stammen 90 Prozent des importierten Sojas aus verantwortungsbewusstem Anbau. Das ist einer freiwilligen Initiative zu verdanken, zu welcher sich die grossen Produzenten und Ladenketten verpflichtet haben. Dennoch konkurrieren Futterpflanzen mit dem Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln um die begrenzte Fläche an ackerfähigem Land.  

Mythos 6: Wir können dieses Problem nur lösen, wenn wir vegan leben.

Es ist das Recht jedes Einzelnen, zu entscheiden, wie er sich ernähren will, und wir sagen nicht, dass jeder Vegetarier oder Veganer werden muss. Eine pflanzlichere Ernährung ist eine grossartige Möglichkeit, einen grossen Einfluss auf die Gesundheit unseres Planeten zu haben. Die Herstellung tierischer Proteine wie Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier benötigen mehr Ressourcen als pflanzliche Lebensmittel. Es sind jedoch nicht nur solche Nahrungsmittel, die die Abholzung verursachen. Auch nicht-nachhaltiges Palmöl trägt zur Abholzung einiger der artenreichsten Wälder der Welt bei. Wir sollten deshalb ganz grundsätzlich unser Landwirtschaftsland nachhaltiger nutzen, Foodwaste vermeiden und uns überwiegend pflanzlich ernähren. 

Mythos 7: Dieses Problem wird gelöst, wenn ich als Konsument bestimmte Lebensmittel oder Marken meide.

Wir können zwar alle unseren Teil dazu beitragen, zum Beispiel indem wir sicherstellen, dass wir nur Produkte von Marken kaufen, die RSPO-zertifiziertes Palmöl verwenden. Leider ist es aber nicht immer so einfach.   

Bei vielen Lebensmitteln und Zutaten haben wir keine Möglichkeit herauszufinden, ob sich Waldzerstörung darin versteckt, ob etwa Pouletfleisch aus einem Betrieb stammt, der Soja verfüttert, das auf abgeholzten Waldflächen in Südamerika angebaut wurde. Ganz abgesehen davon sollte es auch nicht unsere Aufgabe sein, dies mühsam im Laden herausfinden zu müssen. Deshalb fordern wir von Politik und Wirtschaft Massnahmen, damit Lebensmittel, für die Wälder zerstört wurden, gar nicht mehr in unseren Regalen landen dürfen. 

Mythos 8: Das ist ein Problem, das die Lebensmittelkonzerne lösen müssen.

Unsere Wälder sind so bedroht wie nie zuvor, und wir müssen dringend handeln. Zwar haben einige Unternehmen in bestimmten Bereichen Fortschritte gemacht, aber die Dinge bewegen sich nicht annähernd schnell genug, wenn wir die Klima- und Naturkrise vermeiden wollen. Freiwillige Massnahmen von Unternehmen haben zwar ehrbare, aber vergleichsweise nur kleine Resultate gebracht. Verschiedene globale Unternehmen haben sich zwar verpflichtet, bis Ende 2020 Waldzerstörung aus ihren Lieferketten zu entfernen, aber nur ein Prozent davon sind auf dem Weg, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen. Die Unternehmen können dies nicht allein lösen: Die Politik muss dringend handeln und griffige und für alle verbindliche Massnahmen treffen, sodass nicht jene benachteiligt werden, die umweltfreundlich wirtschaften. 

Mythos 9: Die Schweizer Regierung kann nichts tun – es sind ausländische Regierungen, die handeln müssen.

Dies ist zwar zweifellos ein globales Problem, aber wie wir uns hier in der Schweiz ernähren, trägt zu diesem Problem bei. Unsere Regierung kann und soll deshalb ihren Beitrag zur Lösung leisten und mit griffigen Massnahmen vorbildlich vorangehen. Die Zerstörung einiger unserer wertvollsten Lebensräume – vom Amazonas in Brasilien bis zu den tropischen Regenwäldern Südostasiens – und deren Auswirkung auf das globale Klima wird uns alle betreffen. 

Mythos 10: Ich kann ja sowieso nichts dagegen tun.

Es mag sich wie ein unbezwingbarer Berg von einem Problem anfühlen, aber es gibt viele Möglichkeiten, wie jeder von uns etwas zur Lösung beitragen kann. Und wenn wir alle zusammen handeln, kann dies zu etwas Grossem führen – gemeinsam können wir unser Ernährungssystem umgestalten und die Abholzung der Tropenwälder endgültig beenden. Deshalb: Machen Sie Druck, damit politisch etwas geschieht. Als WWF-Mitglied helfen Sie uns, dass unsere Stimme in Bundesbern mehr Gewicht erhält. Versuchen Sie, vermehrt pflanzliche, saisonale und Bio-Lebensmittel zu kaufen – unsere Ratgeber-App hilft Ihnen im Label-Dschungel. Und machen Sie Familie, Freunde und Bekannte auf dieses Thema aufmerksam: Teilen Sie diesen Beitrag in den sozialen Medien.  

Seitenansicht von der Entwaldung des Amazonas
Luftaufnahme der Entwaldung des Amazonas

In tropischen und subtropischen Ländern ist die Landwirtschaft für 73 Prozent der Abholzungen verantwortlich.

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