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Schuppentier in Mozambique
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24. April 2020

Wildtiermärkte – ein Gesundheitsrisiko für die ganze Welt

Gemäss heutigem Wissensstand ist das Coronavirus Sars-CoV2 auf einem Wildtiermarkt in China auf einen Menschen übergesprungen. Doris Calegari, Verantwortliche beim WWF Schweiz für den Artenschutz, erklärt, weshalb diese Märkte ein Gesundheitsrisiko für die ganze Welt darstellen und wieso wir diese Märkte jetzt endlich schliessen müssen.

«Das enge Nebeneinander von Menschen und gestressten, geschwächten und teilweise kranken Tieren aller Arten bietet ideale Bedingungen für die oft sehr wandlungsfähigen Viren.»

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Doris Calegari

Das Coronavirus, das die Krankheit Covid-19  auslöst, ist vermutlich auf dem Huanan-Grossmarkt in Wuhan erstmals auf Menschen übertragen worden. Vorab: Wie muss man sich einen asiatischen Grossmarkt für Lebensmittel vorstellen?

Viele Märkte sind sogenannte Nassmärkte, auf denen Gemüse, Obst, Fische, Meeresfrüchte, Fleisch von Nutztieren und Wildtieren, aber auch lebende Tiere verkauft werden. Lebende und tote Tiere unterschiedlichster Arten wie Schweine, Hühner, Fledermäuse, Schuppentiere (Pangoline), Zibetkatzen und Hunde werden auf sehr engem Raum angeboten. Viele Kunden kaufen gerne Fleisch von Tieren, die auf dem Markt frisch geschlachtet werden, oder sie nehmen das lebende Tier nach Hause, um es selbst vor dem Verzehr zu schlachten. Die Hygiene auf den Märkten lässt oft sehr zu wünschen übrig. Märkte mit Wildtieren im Angebot – legale und illegale – gibt es sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten. In den Städten gilt Wildtierfleisch oft als besondere Delikatesse und ist teuer.

Wieso sind Wildtiermärkte denn nun konkret ein Gesundheitsrisiko für uns Menschen?

Das enge Nebeneinander von Menschen und gestressten, geschwächten und teilweise kranken Tieren aller Arten bietet ideale Bedingungen für die oft sehr wandlungsfähigen Viren. Sie können so leicht von Tier zu Tier oder von Tier zu Mensch überspringen. Die oft unhygienischen Bedingungen fördern diese Übertragungen zusätzlich. Problematisch bei Wildtieren ist, dass sie irgendwo in der Wildnis gefangen werden und ohne medizinische Kontrollen zum Verkauf angeboten werden, manchmal legal, manchmal illegal.

Ist Covid-19 die erste so entstandene Krankheit?

Nein, das Überspringen von Erregern von Tieren auf Menschen kennen wir von Sars (Severe Acute Respiratory Syndrome), einer Infektionskrankheit, die 2002 das erste Mal in China auftauchte, oder von Mers (Middle East Respiratory Syndrome), das 2012 im Mittleren Osten ausbrach. Es sieht ganz so aus, als ob bei all diesen drei Krankheiten Fledermäuse am Anfang der Übertragungskette standen und die Viren über verschiedene Zwischenwirte wie Zibetkatze, Dromedare und nun allenfalls Schuppentiere auf den Menschen übersprangen. Die Weltgesundheitsorganisation listet über 200 Zoonosen (vom Tier auf den Menschen übertragbare Krankheiten) auf. Einige sind uns gut bekannt, zum Beispiel die Pest, Ebola, Malaria, das Denguefieber oder die auch bei uns vorkommende Borreliose, die durch Zeckenbisse übertragen werden kann. Neu ist diesmal die sehr schnelle und weltweite Verbreitung.

93 Prozent der Befragten aus fünf Ländern Asiens würden Massnahmen ihrer Regierungen zur Schliessung von unregulierten und illegalen Wildtiermärkten zustimmen. 

Was unternehmen die Regierungen in China und Südostasien dagegen?

China reagierte Anfang April und verbot den Verkauf und Verzehr von landlebenden Wildtieren wie der Zibetkatze oder dem Pangolin bis auf Weiteres. Das Verbot bezieht sich allerdings nicht auf die medizinische Nutzung von Wildtieren oder die Haltung von sogenannten Haustieren. Einzelne Nassmärkte mit Wildtieren oder Wildtierprodukten wurden vorübergehend geschlossen. China ist zudem dabei, die Liste von jagd- und handelbaren Tieren neu zu überarbeiten. Und Vietnam hat verlauten lassen, dass sie den illegalen Wildtierhandel stärker bekämpfen wollen und entsprechende Gesetze erlassen werden. Die Coronakrise könnte also für viele Wildtiere, die in China und Südostasien gejagt, gegessen oder als Grundlage für medizinische Produkte verwendet werden, tatsächlich eine Chance werden. Auch wenn sich bei einem späteren gesetzlichen Verbot nicht alle Leute daran halten werden, wird die Illegalität eine Mehrheit der Bevölkerung davon abhalten, diese Produkte zu konsumieren, und die effektive Zahl der gehandelten Wildtiere könnte stark zurückgehen.

Was fordert der WWF?

Ein «weiter so» darf es nach der Covid-19-Krise nicht geben. Es ist klar, dass zurzeit die medizinische Versorgung der betroffenen Bevölkerung und die Bekämpfung der weiteren Ausbreitung des Virus im Vordergrund stehen. Mittelfristig wird aber zentral sein, dass die Gesundheit von Menschen, Wildtieren und Umwelt konsequent zusammen gedacht wird, um die Risiken zukünftiger Zoonosen zu verringern. Regierungen weltweit müssen ihre Kontrollen im Handel mit Wildtieren und Wildtierfleisch verstärken. Unregulierte oder ungenügend kontrollierte Wildtiermärkte müssen geschlossen und die Hygienestandards auf Nassmärkten grundsätzlich erhöht werden. Gesetze müssen erarbeitet oder überarbeitet werden, um Schlupflöcher zu vermeiden. Um das zu erreichen, werden die Industrieländer zusätzliche Unterstützung für Entwicklungs- und Schwellenländer leisten müssen, was sich aber langfristig auszahlen wird, wenn wir bedenken, welche wirtschaftlichen Probleme durch die Coronakrise gerade auf uns zukommen.

Wildtiermärkte zu schliessen tönt schwierig. Stösst man da nicht auf Widerstand? Wie ist die Stimmung bei der Bevölkerung?

Eine Online-Umfrage im März 2020 von Globescan in Vietnam, Hongkong, Myanmar, Thailand und Japan zeigte eine Zustimmung von rund 93 Prozent der Befragten für Massnahmen ihrer Regierungen zur Schliessung von unregulierten und illegalen Wildtiermärkten. Dieses Momentum sollen die Regierungen jetzt nutzen und im Interesse ihrer Bevölkerung und der globalen Gesundheit handeln.

«Wo Lebensräume zerstört werden, kommen sich Arten näher, die vorher nicht in engem Kontakt waren.»

Ist das Problem mit dem Schliessen von Hochrisiko-Wildtiermärkten gelöst?

Nein, das Schliessen dieser Wildtiermärkte ist nur ein Teil der Lösung, wenngleich ein wichtiger. Wir dürfen aber nicht vergessen: Das Virus der Schweinegrippe trat 2009 erstmals in der USA auf, und im Jahr 1996 wurde in Grossbritannien eine neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit diagnostiziert, die durch den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch hervorgerufen wurde. Also auch Nutztiere können Erreger übertragen. Die Coronakrise ist eine gute Gelegenheit, unsere Nutztierhaltung und Ernährungsgewohnheiten grundsätzlich zu überdenken.

Ein weiterer Schlüsselfaktor ist der Schutz der biologischen Vielfalt und ein Ende der Lebensraumzerstörung. Wie hängen diese mit globalen Pandemien zusammen?

Wo Lebensräume zerstört werden, kommen sich Arten näher, die vorher nicht in engem Kontakt waren. Dies können verschiedene Wildtierarten sein, aber auch neue Kontakte zwischen Nutztieren und Wildtieren oder Menschen und Wildtieren. Das Entstehen von neuen Krankheitserregern und das Überspringen von Krankheiten auch auf den Menschen werden so erleichtert. Der englische WWF-Bericht «The loss of nature and rise of pandemics» veranschaulicht diese Zusammenhänge anhand von Beispielen. In Schweden hat der Rückgang von Rehen dazu geführt, dass Zecken, welche die Gehirnhautentzündung FSME auf den Menschen übertragen können, vermehrt Wühlmäuse befielen. Wühlmäuse sind aber viel zahlreicher als Rehe und kommen den Menschen auch bedeutend näher. Somit kommen auch die Zecken den Menschen näher und das Risiko eines Bisses und einer daraus erfolgenden Krankheit ist gestiegen. Ein anderes Beispiel aus Malawi zeigt, wie die Überfischung zum Gesundheitsrisiko wurde. Die Bilharziose ist eine Wurmerkrankung, die in warmen Binnengewässern über Schnecken verbreitet wird. Die Schnecken werden von Fischen gefressen. Die starke Abnahme der Fischbestände führte dazu, dass die Schnecken sich stark vermehrten und damit auch die Krankheitserreger. Jährlich erkranken weltweit rund 200 Millionen Menschen an Bilharziose, über 10'000 sterben daran.

Können Menschen auch Tiere mit dem Coronavirus anstecken?

Für unsere Naturschutzarbeit stellt sich diese Frage vor allem im Zusammenhang mit den zurzeit eingestellten Beobachtungstouren zu den Gorillas. Menschenaffen sind uns Menschen genetisch sehr nah. Deshalb können schon harmlosen Erkältungen oder die Grippe von Touristen auf Gorillas übertragen und zum Problem werden. Der WWF unterstützt die entsprechenden Parks seit Jahren in der Umsetzung von Hygieneprotokollen mit hohen Sicherheitsstandards. Ob Gorillas oder andere bedrohte Arten für das Virus empfänglich sind und wie gefährlich es für sie ist, kann man heute noch nicht sagen. Aus den Medien ist zudem ein Fall bekannt, bei dem ein Tiger im Bronx Zoo positiv auf das neue Coronavirus getestet wurde. Zwei Fälle von Hauskatzen in Belgien und Hong Kong sind ebenfalls bekannt.

Welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf die Naturschutzarbeit?

Aus Südafrika hören wir bereits von ersten Farmern, dass die Wilderei auf Nashörner wieder stark zunimmt. Die professionelle Wilderei profitiert vom «Lockdown» und den Ausgangsbeschränkungen in vielen Ländern. Viele Wildhüter dürfen deshalb nicht mehr auf Patrouille. Zudem sind zurzeit keine Touristen unterwegs, die vor der Coronakrise oft auch dafür sorgten, dass Wilderer sich nicht frei bewegen konnten, aus Angst vor Meldungen von Touristen an die Wildhüter oder Polizei. Generell wird in verschiedenen Ländern eine Zunahme der Wilderei beobachtet. Die Einkommen von unzähligen Menschen brechen gerade weg, sie verlieren ihre Jobs und gehen vermehrt zur Jagd, um ihre Familien zu ernähren oder ein Einkommen aus dem Handel von Wildtierfleisch oder mit anderen Wildtierprodukten zu erwirtschaften. Das ist soweit verständlich und für eine begrenzte Zeit wohl auch ohne allzu grosse Schäden möglich. Wichtig ist jedoch, dass die professionelle Wilderei unterbunden bleibt, damit die Wildbestände nicht noch stärker unter Druck kommen oder Populationen lokal gar ausgerottet werden.

Ist auch der Meeresschutz betroffen?

Ebenfalls von der Corona-Krise betroffen sind die internationalen Fischereikontrollen auf See und in Häfen. Aufgrund der berechtigten Sicherheitsauflagen werden viele Kontrollen gelockert oder ganz ausgesetzt. Während kleine Fischerboote teilweise nicht mehr auslaufen dürfen, operieren die grossen Fangschiffe nun unkontrolliert auf offener See. Die staatlichen Fischereibeobachter, welche Fischarten und -mengen dokumentierten und dafür sorgten, dass nicht mit illegalen Fangmethoden gefischt wurde, sind nicht mehr an Bord. Damit sind illegalem Handeln nun Tür und Tor geöffnet. Der WWF fordert deshalb, bestehende elektronische Kontrollmassnahmen zur Lokalisierung der Schiffe zu intensivieren, um ein Bild der Aktivitäten auf See zu bekommen. Grundsätzlich ist zu befürchten, dass nach der Krise gerade arme Länder noch stärker als bisher versuchen werden, internationale Gelder ins Land zu holen und schädliche Konzessionen für Öl- und Gasförderungen oder den Abbau andere Rohstoffe in Gebieten zuzulassen, die eigentlich unter Naturschutz stehen.

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Ein weibliches weisses Nashorn mit sehr langem Horn zusammen mit seinem Kalb im Lake Nakuru National Park, Kenya
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Asiatischer Elefant frisst Zweige von Bäumen

Auswirkung der Coronakrise auch auf Arten wie Nashörner und Elefanten: Generell wird in verschiedenen Ländern eine Zunahme der Wilderei beobachtet.

Was Sie tun können

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Bonobo-Mutter küsst ihr Baby

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Afrikanische Elefanten in Kenia

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