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Beobachter auf Turm
WELTSICHTEN

News und Analyse aus der internationalen Zusammenarbeit des WWF Schweiz — Ausgabe 2/26

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Mwaniki Njuguna

Wirkung hoch drei

Der WWF Schweiz hat für den Klimaschutz einen Projektansatz entwickelt, der Mensch und Natur gleichberechtigt mitdenkt. Dies fördert die langfristige Wirksamkeit und Fairness. Vier Pilotprojekte bilden das Startportfolio dieses so genannten Climate and Nature Collectives. Sie sind bereit für Beiträge von Unternehmen und anderen Geldgebern mit Pioniergeist. 
Von Stephanie Huber, Mitentwicklerin des Climate and Nature Collectives

Die Bäume, die Joseph Mwaniki Njuguna auf seiner Farm gepflanzt hat, übernehmen viele Aufgaben auf einmal: Sie binden CO2 und schützen das Klima, sorgen für eine bessere Wasserversorgung und sichern ihrem Besitzer zusätzliche Einnahmen: «Es ist, wie wenn Geld auf meinem Hof wachsen würde», sagt Njuguna, der in den Bergen oberhalb des Lake Naivasha lebt; einem malerischen See im kenianischen Rift Valley.

«Wir müssen verstehen, was die Ökosysteme in einer Region bedroht und was dies für die Menschen und ihre Einkommensquellen bedeutet. Dieses Gesamtbild ist entscheidend: Nur so können wir gemeinsam überlegen, wer beteiligt werden muss und mit welchen Massnahmen wir dem Klima, der Natur und den Menschen langfristig nützen.»

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Lene Petersen, Senior Manager Climate & Business, Sustainable Markets

Verhängnisvolle Wirkungskette
Das Beispiel zeigt, wie verflochten Klima, Mensch und Natur sind. Entlang des Mkungi-Kitri-Flusses, wo Njugunas Farm liegt, fällten die Bewohnerinnen und Bewohner immer mehr Bäume, um Brenn- und Bauholz zu gewinnen. In der Regenzeit verloren die entblössten Böden Humus an den Fluss, der die Sedimente in den Lake Naivasha schwemmte. War der Mkungi-Kitri allzu trüb, konnten die Menschen kein Trinkwasser daraus entnehmen. Die entwaldeten Hänge speicherten weniger Wasser, in Dürrezeiten trocknete der Fluss ganz aus. Die jüngste Katastrophe: Nach ungewöhnlich langem Regen überflutete im November 2025 der bereits mit Sedimenten gefüllte Lake Naivasha Ackerland und Häuser.

Ein Projekt des WWF Kenia geht diese verflochtenen Probleme mit abgestimmten Massnahmen an, die eine breite Wirkung für Menschen, Klima und Natur entfalten sollen. Das Projekt ist Teil eines neuen Programms, dem Climate and Nature Collective, das der WWF Schweiz entwickelt hat. 

(→ Von der Email weiterlesen) Das Programm ist auch eine Antwort auf die oft vorgebrachte Kritik an Klimaschutzprojekten, die mit isolierten Massnahmen, zum Beispiel grossflächige Aufforstungen, Kohlenstoff binden und diese Leistung mit Profit an Unternehmen verkaufen, die damit ihre CO2-Emissionen kompensieren. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass viele Projektanbieter die Klimawirkung ihrer Projekte massiv überschätzen. Dies schadet dem Klimaschutz, weil es eine zu grosse Wirkung vorgaukelt, und es schadet dem Ruf der Unternehmen, die solche Emissionszertifikate kaufen. 

Gemeinsam reale Wirkung erzielen
Das Climate and Nature Collective gibt Unternehmen und anderen Geldgeber:innen die Möglichkeit, gemeinschaftlich in Projekte zu investieren, die nicht einseitig auf Klimawirkung fokussiert sind und die keine Versprechungen machen, die sie nicht halten können. Den Start machen vier Projekte in Vietnam, Kolumbien, Ecuador und Kenia. Sie alle binden zusätzliches CO2, aber nicht auf Kosten der Menschen, wie es manchen Projekten vorgeworfen wurde, zum Beispiel weil sie in aufgeforsteten Gebieten die Nutzungsrechte der Bevölkerung eingeschränkt haben sollen. 

Umfassende Massnahmen für Klima, Mensch und Natur
Im Becken des Mkungi-Kitri-Flusses haben verschiedene Akteure – Forstbehörden, der WWF, Kleinbauernfamilien und der Gemeindewaldverband Geta – Lösungen gesucht, um den abgeholzten Wald im öffentlichen Besitz wieder aufzuforsten und gleichzeitig den Bauern und Bäuerinnen ­– viele sind landlos – ein Auskommen zu ermöglichen. Die Familien pflanzen auf dem öffentlichen Land Setzlinge und hegen und pflegen sie. Im Gegenzug dürfen sie zwischen den aufwachsenden Bäumen Ackerfrüchte pflanzen, solange dafür Platz ist. «Die Menschen hier haben kaum eine bezahlte Beschäftigung», sagt David Njihia, der Vorsitzende des Gemeindewaldverbands Geta. «Unsere Bauernfamilien pflanzen Kartoffeln und Erbsen an und erzielen nun ein gutes Einkommen.» Viele landlose Familien hätten sogar Parzellen kaufen können.

Peter Kimiti besitzt etwas Land, auf dem er über 1000 Bäume gepflanzt hat. Ihre abgeworfenen Blätter liefern wertvollen Dünger: «Ich hätte nie erwartet, wie gut sich das Laub kompostieren lässt. Mein Gemüse wächst damit viel besser.» Er verschwindet kurz und kommt zum Beweis mit einer Handvoll Karotten zurück – kräftig und leuchtend orange. Positive Effekte dieser so genannten Agroforstwirtschaft, die das Projekt mit Kursen fördert, erkennt auch die Bäuerin Margaret Wangare: «Der konventionelle Anbau hat den Boden ausgelaugt. Heute ist das System viel flexibler und ich bekomme mehr zurück». Zwischen den Bäumen wachsen nun Mais, Zwiebeln, Hafer und Passionsfrüchte. Diese Vielfalt macht die Ernährung ihrer Familie abwechslungsreicher und spart Kosten für Tierfutter. Ganz nebenbei profitieren auch Natur und Klima: Der Boden bleibt nährstoffreich, die Vielfalt wird gestärkt und die Bäume speichern Kohlenstoff. Die Bäume haben auch das Wasserproblem entschärft, sagt Waldverbandschef Njihia: Die Wasserläufe der Gegend fallen nun nicht mehr trocken und führen nach Regenfällen weniger Sedimente mit sich.

Dieses Zusammenspiel zwischen Klimawirkung, ökologischen Vorteilen und positiven Effekten für die Bevölkerung bildet den Kern des Climate and Nature Collectives. Sam Okuku vom WWF Kenia erklärt: «Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen langfristig von den Bäumen im Wald profitieren. Sonst sind sie das Erste, was zu Geld gemacht wird, wenn die Familien in Not geraten.» Auch wenn dies nicht erlaubt sei, in schwierigen Zeiten sei dies vorgekommen. Zusammen mit der Bevölkerung hat der WWF deshalb abgeklärt, welche zusätzliche Unterstützung sinnvoll sein kann, um das Einkommen der Familien zu verbessern: beispielsweise kleine Biogasanlagen, Wassertanks, Nutztiere oder Kurse in landwirtschaftlichen Techniken. Ein gemeinschaftlicher Prozess mit fairen Kriterien bestimmt, wer von welcher Massnahme profitiert. Dass die Menschen in die Planung und Entscheide einbezogen werden, gehört zu den grundlegenden Prinzipien von WWF-Projekten.

Das Portfolio des Climate and Nature Collective umfasst neben dem Projekt am Lake Naivasha Projekte im vietnamesischen Mekongdelta, im kolumbianischen Amazonas und in den ecuadorianischen Anden. Ihren Start ermöglicht hat das Engagement unseres langjährigen Firmenpartners Coop. Alle vier Projekte können durch weitere Beiträge rasch ausgeweitet werden, und auch neue Projekte sind möglich. Eine Einladung an Unternehmen, Stiftungen und andere Geldgeber:innen, mit Pioniergeist Wirkung hochdrei zu erzielen: für Klima, Mensch und Natur.

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Marisela Silva
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Mangroven Cau Mau National Park
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Peter Kimiti

Climate and Nature Collective Projekte in Kolumbien, Vietnam und Kenia.

Fragen, Anregungen zum Climate and Nature Collective?


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Postkarte Bolivien

Jesús Justiniano auf dem Weg zu den Açai-Beeren.

Açaí – fruchtige Grüsse aus dem bolivianischen Regenwald

Mein Name ist Jesús Justiniano. Ich bin Landwirt, Açaí- und Paranuss-Sammler und Schweisser. Ich lebe in der Gemeinde Bella Vista am Fluss San Martín, im Schutzpark Iténez im bolivianischen Amazonas. Für uns ist der Wald mehr als eine Landschaft – er ist unser Zuhause, unser Markt, unsere Geschichte. Alles, was uns ausmacht, ist mit ihm verbunden. Zur Zeit der Açaí-Ernte von April bis August ändert sich der Rhythmus der Gemeinde. Dies ist die Zeit harter Arbeit, um das Beste aus dem zu machen, was uns die Natur bietet.

Meine Tage beginnen sehr früh, vor Sonnenaufgang. Die Luft ist frisch, und im Wald ist es noch still. Wir brechen in Gruppen auf und gehen auf Pfaden, die wir seit unserer Kindheit kennen. Manchmal müssen wir einen zweiten Bach überqueren und dringen immer tiefer in den Wald vor. Dort wachsen die Açaí-Palmen (Euterpe precatoria, zu Deutsch Kohlpalme). 

Hier wird Açaí nicht angebaut – die Palmen sind im Wald heimisch; sie gehören hierher, und wir ernten die Früchte direkt aus der Natur. Diese Palmen sind hoch und schlank, manche erreichen bis zu 30 Meter, und es erfordert Übung, Kraft und Konzentration, um sie zu erklimmen. Mit einem Seil um die Füsse arbeiten wir uns langsam nach oben und spüren, wie sich der Körper an die Bewegung anpasst. Von oben ist die Aussicht beeindruckend: Ein grünes Meer, scheinbar endlos.

Kohlpalmen sind leicht zu erkennen, sobald man den Wald kennt. Es gibt andere Arten, die ähnlich aussehen, wie die Pachiúba, aber sie unterscheiden sich in ihren Wurzeln und Blättern: Açaí-Blätter sind glänzender und dichter. Wenn die Frucht reif ist, färben sich die Beeren an den Rispen tiefviolett. Um zu erkennen, ob sie reif sind, schauen wir auch auf den Boden: Wenn einige heruntergefallene Früchte in der Nähe des Stammes liegen oder wenn sich die Rispe nach unten neigt, ist das ein Zeichen dafür, dass sie erntereif ist.
Finden wir reife Rispen, schneiden wir sie vorsichtig ab, um die Palme nicht zu beschädigen. Wir wissen, dass dies darüber entscheidet, ob sie im nächsten Jahr wieder Früchte trägt. Dann klettern wir mit den Früchten vorsichtig herunter, sammeln die Rispen am Boden ein und beginnen, die Beeren zu ernten.

In der Hochsaison hängt alles von jenen ab, die fürs Klettern auf die Açaí-Palmen zuständig sind. Ich kann etwa sechs Palmen pro Tag erklimmen; manchmal hat jede zwei oder drei Rispen. Das dauert etwa vier Stunden, einschliesslich der Zeit, die man braucht, um zum Erntegebiet zu laufen. Die Saison dauert etwa drei Monate, und in dieser Zeit gibt es ständig Arbeit.
Zu Hause trinken wir den Saft, der uns die Energie gibt, um weiterzuarbeiten. Er ist Teil unserer Kultur, unserer Traditionen und dessen, was wir als Familie teilen. Nach der Ernte bringen wir die Früchte zur Sammelstelle der Gemeinde, wo wir sie reinigen und sortieren. Dort bereiten wir auch das vor, was wir handwerklich hergestellte Açaí-Milch nennen. Ein kleiner Betrieb gewinnt daraus das Fruchtfleisch, das in den Handel gelangt.

Viele Familien in unserem Verein profitieren davon. Wir sind etwa 40 Mitglieder, und diese Arbeit stellt für alle eine wichtige Unterstützung dar. Der Betreiber der Fruchtfleischgewinnung kauft die Früchte, die wir im Wald ernten. Das gibt uns mehr Sicherheit und verschafft uns eine stabilere Einkommensquelle. Zudem benötigt der Betrieb eine grosse Menge an Früchten für die Verarbeitung, was sich in mehr Absatzmöglichkeiten und damit in höheren Einnahmen für uns niederschlägt.
Dank der Zusammenarbeit mit dem WWF-Bolivien haben wir gelernt, die Açaí-Palmen nachhaltig zu bewirtschaften: Zum Beispiel die Früchte so zu ernten, dass die Pflanzen nicht beschädigt werden, damit sie auch im nächsten Jahr wieder Früchte tragen. Wir haben auch unsere Gemeinschaft besser organisiert. Jetzt verstehen wir den Wert unserer Arbeit und des Produkts besser, das wir anbieten. Unsere Açaí-Beeren gelangen bis in die Städte Santa Cruz und Cochabamba und sogar bis in die Vereinigten Staaten – sie tragen unsere Arbeit und die Geschichte unserer Familien in die Welt.

Für mich bedeuten Açaí-Beeren vieles: In meiner Gemeinschaft bleiben zu können, gemeinsam mit meiner Familie zu arbeiten und nicht in die Stadt abwandern zu müssen. Sie bedeuten aber auch Verantwortung, denn wir wissen: Wenn wir uns nicht um den Wald kümmern, könnte all dies verschwinden.
Nicht immer ist es einfach. Es gibt Tage mit grosser Hitze oder starkem Regen, der uns daran hindert, wie gewünscht voranzukommen. Auf die Palmen zu klettern ist anstrengend, und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht verletzen. Aber selbst in diesen Momenten spürt man, dass diese Arbeit sinnvoll ist. Wir zerstören nichts – wir nutzen respektvoll, was uns der Wald schenkt.
Am liebsten bin ich im Wald. Lausche den Vögeln, spüre den Wind, der durch die Bäume weht, beobachte, wie sich das Licht im Laufe des Tages verändert. Es ist harte Arbeit, aber sie verbindet uns mit der Natur.
Heute sehen wir, dass der Schutz des Waldes auch eine Möglichkeit sein kann, besser zu leben. Dass es möglich ist, ein Einkommen zu erzielen, ohne das zu zerstören, was wir haben. Dies gibt uns Hoffnung – Hoffnung, dass unsere Kinder weiterhin hier leben können, dasselbe tun wie wir heute, aber mit mehr Möglichkeiten und besseren Bedingungen.

Aufgezeichnet von Fernanda Gutiérrez, Verantwortliche Kommunikation beim WWF Bolivien

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Thumb Video Itenez

Baumklettern mit einem Açai-Pflücker: 360°-Video auf der Youtube-Seite des WWF Bolivien. Per Klick aufs Video und durch Verschieben des Mauspfeils kann die Perspektive verändert werden. Der Blick nach unten ist besonders eindrücklich.


Das internationale Programm des WWF Schweiz wird von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA, Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA, mit einem Kernbeitrag unterstützt.


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Redaktion: Thomas Häusler

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