Morteratschgletscher mit Gletschertor
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01. Juni 2018

Vom Sterben der Gletscher

Die Schweiz ist stolz auf ihre Gletscher. Mit ihren gewaltigen Eismassen prägen sie die Alpen. Doch die Eismassen schmelzen rapide. Begleiten Sie den Bergführer Walter Josi und den Glaziologen Daniel Farinotti auf den Hohlaubgletscher im Wallis und erfahren Sie, welche Herausforderungen durch die schmelzenden Gletscher auf uns zukommen.

Bergführer Walter Josi und Glaziologe Daniel Farinotti erzählen auf dem Hohlaubgletscher von der Schönheit der Gletscher und den Auswirkungen der Gletscherschmelze

Jedem sein eigener Pool gefüllt mit Schmelzwasser

In rund 40 Jahren sind die Gletscherflächen um einen Drittel geschrumpft.

Die Statistik bestätigt: Alleine im letzten Jahr haben die Gletscher in der Schweiz 1500 Millionen Kubikmeter Eis verloren. Das ist mit 2003 und 2011 der stärkste Rückgang in der 100-jährigen Messreihe. Würde man das Schmelzwasser der Schweizer Gletscher von 2017 an alle Haushalte im Land verteilen, könnte jeder damit ein 25-Meter-Schwimmbecken füllen.

Nur schon von anfangs 70er Jahre bis 2003 ist die Gletscherfläche um einen Drittel geschrumpft. Den Negativ-Rekord hält der Morteratsch-Gletscher: Seine Zunge hat sich 2003 in einem einzigen Sommer um 76 Meter zurückgezogen. Gut sichtbar ist der Gletscher-Rückgang bei Hüttenzustiegen. Das bekannteste Beispiel ist die Konkordiahütte, die einst bloss 50 Meter über dem Aletschgletscher erbaut wurde. Inzwischen geht es ab dem Eis über eine Treppe 150 Meter hinauf auf den Felsen. Vor einem Jahr wurde die Treppe letztmals verlängert. Der Weg zur Monte-Rosa-Hütte ist ebenfalls mühsamer geworden. «Das war früher eine fast schon bequeme Wanderung, jetzt muss man über Felsblöcke kraxeln. Auch deshalb hat sich die Zahl der Übernachtungen dort mehr als halbiert», erzählt Walter Josi.

Morteratschgletscher mit Hinweistafel Gletscherschmelze
Morteratschgletscher mit Steinfeld im Vordergrund

Der Morteratsch-Gletscher wird immer kürzer und das Steinfeld davor immer länger. In 110 Jahren, von 1900 bis 2010, hat er sich um über zwei Kilometer zurückgezogen.

Die Rudi-Carrell-Moränen

«Ich habe erlebt, wie aus Eislandschaften in wenigen Jahren Steinwüsten geworden sind.»

Vor 20’000 Jahren war die Schweiz fast vollständig vergletschert – bei einer globalen Durchschnittstemperatur, die gerade mal fünf Grad unter der heutigen lag. Noch vor 40 Jahren sind die Alpengletscher wieder vorgestossen. Walter Josi erinnert sich: «In den frühen 70er Jahren musste man Eintritt bezahlen, um über eine Treppe direkt zum Oberen Grindelwaldgletscher zu gelangen. Später wars dann gratis, weil der wachsende Gletscher die Treppe weggedrückt hatte.» Bei einigen Gletschern zeugen Moränen von dieser kurzen kühleren Phase. Josi nennt sie Rudi-Carrell-Moränen: «Carrell sang damals den Schlager ‹Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?›.»

In wärmeren Phasen hingegen waren die Gletscher auch schon deutlich kleiner als heute. Daniel Farinotti: «Letztes Jahr hat der Findelgletscher (VS) einen Baumstrunk freigegeben. Das zeigt, wie hoch der Wald in wärmeren Phasen einst hinaufreichte.» Auch zahlreiche Sagen aus den Alpen berichten von vorstossenden und schmelzenden Gletschern.

Alphubel mit Feegletscher im Wallis

«In der Gesellschaft eines Gletschers kommt man sich bald einigermassen unbedeutend vor.» Mark Twain, Schriftsteller (Alphubel mit Feegletscher, Wallis)

Die Alpen verlieren ihr Gesicht

Schmelzende Gletscher in der Schweiz sind das deutlichste Zeichen für den Klimawandel. Ihr Sterben schmerzt dabei nicht nur Herz und Auge. Auch ein Mythos geht damit zugrunde, das Gesicht der Alpen wird nie mehr dasselbe sein wie heute. Zudem kommen echte Herausforderungen auf uns zu. Daniel Farinotti nennt drei Bereiche: Tourismus, Naturgefahren und Wassernutzung, insbesondere für Stromproduktion und Landwirtschaft.

«Touristiker müssen ihre Infrastruktur anpassen, wenn das Eis weicht.» Auf dem Jungfraujoch war ein neuer Stollen nötig, damit die Gäste aufs Eis kommen. Teile des Gurschengletschers ob Andermatt werden schon seit vielen Jahren im Sommer abgedeckt, um die Verbindung von Seilbahnstation und Skipiste zu retten. Farinotti: «Lokal sind solche Massnahmen sehr wirksam, aber einen Gletscher kann man damit nicht retten.»

Für Wasserkraft und Landwirtschaft bringt der Klimawandel zunächst sogar mehr Wasser, weil Eis schmilzt. Danach gibt es weniger Wasser und schlechter verteilt: Vor allem in trockenen Sommern wird Gletscherwasser fehlen. In den Alpen liegt dieser Wendepunkt mit maximalem Wasserabfluss laut einer neuen ETH-Studie schon hinter uns. Das Wallis dürfte das zuerst zu spüren bekommen, denn das Haupttal ist niederschlagsarm und der Anteil Gletscherwasser in der Rhone mit rund 15 Prozent besonders hoch.

Gornergletscher mit Wanderer
Wanderer auf dem Gornergletscher mit Tarpulin Tüchern gegen Gletscherschmelze

Auch der Gornergletscher – er gehört zum zweitgrössten Gletschersystem der Schweiz – schmilzt. Zum Teil wird er mit Tüchern abgedeckt, um das Abschmelzen hinauszuzögern.

In 30 Sekunden 88 Arbeiter getötet

An Trockenheit mag man nicht denken am Fuss des Hohlaub- und Allalingletschers. Mächtige Eistürme leuchten dezent türkisblau, und im Talboden ruht der Mattmark-Stausee. Hier ist der Gletscher immer wieder abgebrochen. Fatal war der Abbruch von 1965, als die Mattmark-Staumauer im Bau war. «Direkt unter dem Gletscherabbruch waren die Unterkünfte der Bauarbeiter platziert – es ist schwer vorstellbar, dass die Gefahr niemandem bewusst war», sagt Walter Josi. Zwei Millionen Kubikmeter Eis donnerten ins Tal. 30 Sekunden dauerte der Spuk: 88 Arbeiter waren tot. Die Verantwortlichen wurden später freigesprochen. Im Jahr 2000 lösten sich erneut rund eine Million Kubikmeter Eis vom Allalingletscher, doch der Gletscher war überwacht, und niemand kam zu Schaden.

Räumungsarbeiten nach Gletscherabbruch-Unglück beim Mattmark Stausee

Räumungsarbeiten nach dem Gletscherabbruch bei der Baustelle des Mattmark-Stausees im Wallis (1965)

Die Gletscherschmelze birgt Naturgefahren

«Gletscher können ein Gelände stabilisieren, doch beim Abschmelzen geht diese Wirkung verloren.»

Wo sich Gletscher zurückziehen, können sich hinter Toteis- Riegeln Gletscherseen bilden. Brechen sie aus, geht eine mit Geröll gespickte Flutwelle ins Tal. Für einen kontrollierten Abfluss wurde etwa am Unteren Grindelwaldgletscher für 15 Millionen Franken ein Entlastungsstollen gebohrt. Beim Bergsturz in Bondo im Jahr 2017 war der Gletscher zumindest ein Glied in der Unglückskette.

Kalt- und Warmzeiten haben sich in der Erdgeschichte abgewechselt. Aber nie zuvor ging dieser Wandel so rasch vonstatten wie heute. Und auch die Ursache ist neu: «Die rasant steigende CO2-Konzentration in der Atmosphäre übersteuert natürliche Zyklen», sagt Farinotti. Im Klartext: Kohle, Benzin, Kerosin, Erdgas und Heizöl lassen die Gletscher schwinden.

Klimaschutz ist dringend nötig

«Steigende Meeresspiegel, Wirbelstürme und andere Folgen des Klimawandels bringen grossen Schaden und viel Leid. Im Vergleich dazu ist unsere Gletscherschmelze ein Problem hinter dem Komma.»

In Paris versprachen die Staaten, die Klimaerwärmung zu bekämpfen. Das ist überlebenswichtig für viele Menschen und Tierarten. Doch die Umsetzung passiert nur zögerlich, auch in der Schweiz: Unser Land muss die CO2-Emissionen im Inland bis 2030 mehr als halbieren und bis in 20 Jahren ganz aus den fossilen Energien aussteigen.

Der aktuelle Vorschlag des Bundesrats verfehlt dieses Ziel klar. Deshalb diskutieren Direktbetroffene und Umweltschützer gemeinsam mit Organisationen wie WWF und Greenpeace über eine Klima- oder Gletscherschutz-Initiative. Wenn die Klimaveränderung ungebremst weitergeht, droht die Schweiz bis zum Ende des Jahrhunderts praktisch eisfrei zu sein. Reisen wir express in eine Zukunft ohne Erdöl und Erdgas? Oder bleiben wir im fossilen Zeitalter stecken und hinterlassen damit unseren Kindern alpine Steinwüsten anstelle der Gletscher?

Hohlaubgletscher im Saastal, Walliser Alpen

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